Gisbert Kranz an seine Eltern, 6. Dezember 1942
Bonn, den 6.XII.42.
Liebe Eltern!
Erlaubt, daß ich diesen Brief mit einigen persönlichen Erinnerungen beginne, die ich heute am Nikolaustage habe. Vier Jahre ist es her, als ich zum letzten mal diesen Tag daheim feiern konnte, mit allem was dazugehört: Spekulatius, Printen, Stutenkerl und der Vorfreude auf Weihnachten. Ein Jahr später – ich hatte inzwischen mein Abitur gemacht und den Arbeitsdienst durchstanden – feierte ich Nikolaus im Kreise neuer Freunde in Paderborn. Damals sah ich die erste Studentenmimik mit der Parodie Fiffis. Was hatten wir gelacht! Wieder ein Jahr später: Der 6.XII.1940 verlief – abgesehen von einer Namenstags-
feier – ziemlich klanglos. Flaps, der eine großartige Mimik arrangiert hatte, wurde plötzlich eingezogen, sodaß der Spaß ins Wasser fiel. – Und vor einem Jahr lag ich in der Stellung nördl. Taganrog, dachte an die Tage der Kindheit wehmütig zurück und nagte anstatt an Printen an vereistem Brot. Danach ließ ich’s mir nicht träumen, daß ich übers Jahr wieder in Bonn sein dürfe. Und heute glaube ich wirklich zu träumen, wenn ich durch die vertrauten Straßen gehe. Und doch ist es Wirklichkeit, schöne, beglückende Wirklichkeit. Das alles fiel mir ein, als ich heute morgen zum Frühstück einen Stutenkerl neben meinem Teller fand. Sogar Korinthenaugen und –Knöpfe waren dran. Ich habe den Weckmann feierlich geviertelt und wollte ihn wie ein Kind in stiller
Freude genießen, als einer sagte: „Wie einen Russen!“ Da wußte ich, daß ich doch kein Kind mehr war.
Die Kommunität ist jetzt 18 Mann stark, davon 8 Studienurlauber und 4 erste Semester. Da ist ein Feldwebel, schwerverwundeter Afrikakämpfer, ein Unteroffizier u. Offiziers-Anwärter (die Bestimmung für Theologen ist wieder aufgehoben), Willi Krause, ein Konsemester, Klaus Malangré, Willibald Huchschlag und noch manch anderer alter Bekannte. Ich fühle mich sehr glücklich, endlich mal wieder unter gebildeten Menschen sitzen zu können, und an dieser Gemeinschaft, ob es nun beim Gottesdienst ist, bei Tisch oder während der abendlichen Zusammenkünfte, teilnehmen zu dürfen, erfüllt mich mit Befriedigung u. Freude. Gestern abend kamen wir zwanglos zu
einem Singkreis zusammen, und wir sangen die altvertrauten Lieder der Jugendbewegung, daß mir ordentlich warm ums Herz wurde.
Und worüber ich besonders froh bin, ist, daß ich ein eigenes Zimmer wieder habe, in dem ich allein sein kann. Das entbehrte ich in der Garnison: allein sein zu können. Wie verbrachte man den Feierabend? Entweder in der Kaserne oder in einem Lokal in der Stadt – keinmal war man allein, immer hatte man lärmende Menschen um sich herum. Ich betrachte es als besondere Gnade Gottes, der mich bis jetzt immer gut geführt hat, daß ich diese 4 Monate habe. Ich will sie nutzen. Nun habe ich auch wieder Zeit u. vor allem Ruhe zu religiösem Leben. Wie dankbar bin ich dafür. Für diese Woche bin ich als
Ministrant eingeteilt und diente beim Hochamt heute morgen zum erstenmal nach 1 ¾ Jahren wieder nach leoninischem Ritus. Es klappte aber leidlich. Lieber wäre ich allerdings im Schiff gewesen als auf dem Chor, um mich ganz in die herrlichen Verse der Liturgie und in die unvergänglichen Gesänge des gregorianischen Chorals zu vertiefen. – Ich habe mich doch entschlossen, auch in diesem Semester mich in die theol. Fakultät einschreiben zu lassen. Ich habe doch einsehn müssen, daß für eine Promotion die Zeit zu knapp ist. Lieber will ich in Ruhe arbeiten und dabei langsam und stetig vorankommen, als mich in einem Semester auf Kosten der Gesundheit in wahnsinnig große Arbeit zu stürzen, nur um ein äußeres Ziel zu erreichen. Vor allem
aber hat mich der Gedanke, daß nach dem Kriege ein theologisches Studium in dieser Form vielleicht nicht mehr möglich ist, zu dem Entschluß bewogen, von der Theologie noch soviel mitzunehmen wie es geht. Jetzt beginnt für mich das eigentlich theologische Studium: Dogmatik, Exegese, Moraltheologie u. Kirchenrecht. Freilich werde ich nebenher noch philosophische Studien treiben. So gedenke ich, die Vorlesung des Prof. Platz über Blaise Pascal zu belegen. Auch will ich nun meine Dostojewski-Arbeit, die nun zwei Jahre still lag, abrunden und zum Abschluß bringen.
Was die finanzielle Seite angeht, so ist zu melden, daß für mich das Semester gebührenfrei ist. Außerdem bekomme ich als Externer und Kriegs-
versehrter monatlich 100 M. Unterhaltszuschuß ausgezahlt. Da der Pensionspreis fürs Leoninum für dieses Semester 200 M beträgt, kann ich mit dieser Summe mein ganzes Semester finanzieren. Die Lebensmittelmarken habe ich bereits; die Gutscheine für die Weihnachtssonderzuteilungen hole ich mir Mittwoch ab. –
Vom 18.XII. bis zum 8.I.43 ist Vakanz. So kann ich drei Wochen zu Hause sein, daß Ihr für die Kürze des Wiedersehens vorgestern reichlich entschädigt werdet. Ich freue mich schon sehr auf die Ferien, das könnt Ihr mir glauben.
Tante Nettchen habe ich gestern bereits besucht und eine Stunde mit ihr verplaudert. Sie rechnet damit, daß Kurt mal bald nach Bonn Urlaub bekommt, sodaß ich ihn auch mal
wiedersehe. Teilt mir Günters Anschrift sobald wie möglich mit. Dem Kerl wird die Begeisterung schon zum größten Teil verflogen sein. Bei uns hieß es damals: „Jesus hat viel gelitten, aber er war nicht im Arbeitsdienst“. Karlheinz wird sicher bald interessante Berichte aus Südfrankreich schicken. Und wie geht es Fritz?
Ich wünsche Euch alles Gute; in zwei Wochen bin ich wieder bei Euch – das wird ein Fest! Herzlich grüßt Euch
Euer Gisbert
Anbei Seifenbezugsscheine.
Der Buchhandel in Bonn ist sehr flau; die Läden, gestern war ich in sieben, acht – sind fast leer. In Danzig konnte man noch gute Sachen kaufen.