Gisbert Kranz an seine Familie, 30. Januar 1943

Bonn, den 30.I.43.

Meine Lieben!

Herzl. Dank für Eure Briefe! Auch für das Apfelpaket, das ich inzwischen erhalten habe. Daß Fritz „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ so gut gefällt, freut mich sehr. Es ist ein feines Buch, das ich schon ein paarmal gelesen habe und auch besitze. Es stehen einige beachtenswerte Seiten über die Aufgaben u. die Vergänglichkeit eines Volkes drin, die sich die Leute, die heute soviel von der Ewigkeit Deutschlands faseln, merken sollten. Ernst Wurche ist ein Ideal für junge Menschen. – Was die Ewigkeit unseres Volkes betrifft, so standen wir vor 10 Jahren vor einer dunklen Zukunft, die kaum Hoffnung versprach. Und heute? Am 10. Jahrestag? –

Margret Leggewie heißt doch schon seit einem Jahr Frau Marx. Hat sie jetzt auch kirchl. getraut? – Ich schicke übermorgen ein Wertpaket mit 1 Oberhemd, 1 Unterjacke, 1 Unterhose, 1 P. Strümpfe, 3 Taschentücher u. Seifenpulver ab. Da ich keinen größeren Karton hatte, kann ich nicht mehr schicken. Sonst wäre noch 1 [.?.], 1 Handtuch u. 1 Schlafanzug dabei. Die Bettwäsche habe ich erst drei Wochen in Gebrauch, da ich in der ersten Woche noch die Bezüge benutzte, die ich im Dezember schon 14 Tage gebraucht hatte. Da ich noch saubere Bett u. Leibwäsche genug zum Wechseln habe, ist es nicht schlimm, wenn die fehlenden Sachen erst in die nächste Wäsche kommen. – Meine Dostojewski-Arbeit habe ich nun zur Hälfte ins Reine gebracht. Ich habe aber das letzte Kapitel noch

nicht im Unreinen fertig. Ich hoffe aber, daß ich bis in drei Wochen alles abgeschlossen habe. Ich bin froh, wenn ich fertig bin, kann ich mir dann doch wenigstens die letzten Wochen meines Urlaubs, der nun schon zur Hälfte vorüber ist, Ruhe gönnen. Zwei von meinen Kommilitonen lesen das Manuskript mit, womit mir schon viel Arbeit erspart ist. Es ist doch eine große Qual, eine solche Aufgabe zu erledigen, nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Wenn man 10 Seiten auf einer klapperigen Schreibmaschine getippt hat, so spürt man das. –

Schickt mir bitte mit meinem Namenstagspaket einen Flaschenkorken, so: [Zeichnung]. Ich habe noch meinen Weihnachtsschnaps für die Namenstagsfeier verwahrt.

Einige Maßnahmen, die der Staat während des Krieges durchzuführen für gut hält: Religionslehrer dürfen nicht mehr predigen. Guardini, der bedeutendste kath. Theologe, hat Schreib- u. Redeverbot. Seine Bücher sind, wie ich kürzl. schmerzl. erfahren mußte, auch nicht verleihbar. Lützeler ist ebenfalls mundtot gemacht. Wesentl. Zeitschriften wie Hochland, Neue Saat haben ihr Erscheinen einstellen müssen. Am Papiermangel kann das nicht liegen, denn unwesentl. Zeitschriften erscheinen weiter. Heil Hitler!

Und herzl. Grüße

Euer Gisbert