Gisbert Kranz an seine Familie, 9. Februar 1943

Bonn, den 9.II.43.

Meine Lieben!

Heute morgen war feierlicher Abschluß der Exerzitien durch Pontifikalmesse und Tedeum. Unser Bischof Frings ist selbst zu uns gekommen, um mit uns gemeinsam das hl. Opfer feiern zu können. Ich durfte dabei dienen. Das war mir die schönste Geburtstagsfreude, daß ich diesen Mann, den ich vor zweieinhalb Jahren hier im haus als einfachen Priester kennenlernte, nun als Bischof sehen konnte. Er ist herrlich in seiner Schlichtheit u. Würde zugleich. Er sprach zu uns feine Worte über das Priestertum und gedachte dabei auch unserer Soldaten. Nach der erhebenden Feierstunde nahm er mit uns gemeinsam das Frühstück ein.

Die Exerzitien, die uns ein Franziskaner-

pater hielt, gaben mir viele wertvolle Anregungen u. die Gewißheit, daß ich auf dem rechten Wege bin, aber auch die Erkenntnis, daß dieser Weg zur Verwirklichung des Priesterideals für mich noch ein sehr weiter ist. So bin ich mit vielen guten Vorsätzen in mein neues Lebensjahr hineingegangen, aber auch in unerschütterlicher Ruhe und im Vertrauen auf Gottes Gnade, in der ich mich geborgen weiss. Vater meint, ich würde jetzt wohl das Gefühl haben, wieder nutzlos ein Jahr verbracht zu haben. Nein, nutzlos war das Jahr nicht. Wenn ich auch ohne diesen Krieg schon fortgeschrittener in meinem Studium wäre, so hat mir doch dieses Jahr viele Erfahrungen gebracht, die das Studium mir nicht bieten kann, die aber meine weitere wissenschaftl. Ausbildung sehr fruchtbar machen werden. Ich habe aber auch

viel gelernt. In den Monaten meines Lazarettaufenthaltes und auch später in Danzig habe ich sehr viel lesen u. schreiben können. Nie wieder werde ich in meinem Leben soviel Zeit dazu haben. So war das vergangene Jahr – ganz abgesehen von der großen Arbeit, die ich in den nächsten Tagen vollenden werde – sehr fruchtbar für mich. Darüber hinaus lernte ich viel Schönes kennen und manchen herrlichen Menschen. Die herrlichen Sommertage an der See, die schönen Urlaubstage, die ich Mai u. August zu Hause verbringen durfte, werden mir als angenehme Erinnerungen im Gedächtnis bleiben. Ich bin Gott dankbar, daß ich nach den furchtbaren Erlebnissen der russischen Winterschlacht noch soviel Schönes sehen und lernen konnte. Meine Kompanie hat, wie mir Jupp Breuer aus Danzig schrieb, ausgekämpft.

Unser Regiment war in Stalingrad dabei und hat dort nach 4 Feldzügen durch ganz Europa ein ruhmvolles Ende gefunden. Mein Kompanieführer Oblt. Benwitz, der inzwischen das Deutsche Kreuz in Gold erhalten hat, ist in der Heimat und brauchte dieses bittere Schicksal seiner Truppe nicht zu teilen.

Laßt mich herzlich danken für die beiden Kuchen, die Mutter mir geschickt hat. Sie schmecken sehr gut, sind für Kriegsverhältnisse noch zu gut. Vielen Dank auch für das Geld, das Vater mir geschenkt hat. Ich habe mir zwei feine Bücher dafür gekauft: Ein philosophisches von dem Bonner Prof. Behn und ein Werk der graf. Kunst: Die Caprichos des Spaniers Goya. Ich danke auch für Euren Brief und Eure Glückwünsche. Auf Mutters Paket freue ich mich sehr, da der reiche

Inhalt es mir ermöglicht, meinen Namenstag in gebührendem Stil mit meinen Freunden zu feiern. Ich freue mich immer, wenn ich bei solchen Gelegenheiten meinen Gästen Vieles und Gutes vorsetzen kann.

Und nun – was ich eigentlich schon zu Anfang des Briefes hätte tun sollen – gratuliere ich Vater recht herzlich zu seinem Namenstag. Mein Geschenk wird später eintreffen, wenn ich mehr Zeit habe, etwas dafür zu tun. Ich hoffe, daß Vater seinen Festtag in Gesundheit und Freude feiern kann. Mir selbst ist es nicht möglich, daran teilzunehmen. Ganz abgesehen davon, daß es schwierig ist, vom Standortältesten der Wehrmacht wie vom Leoninum Urlaub zu bekommen, würde es sich für einen Tag nicht lohnen, nach Hause zu fahren. – Soweit ich die Bestimmungen über

den Arbeitseinsatz richtig verstanden habe, bleiben Betriebe mit über fünf Angestellten – das trifft ja auf unser Geschäft zu – offen. Weshalb befürchtet Vater, daß unser Geschäft auch geschlossen wird?

Mutter befürchtet, daß meine Gesundheit unter der angespannten Arbeit leiden würde. Das trifft aber nicht zu. Außerdem hoffe ich, meine Abhandlung Ende dieser oder Anfang nächster Woche zum Abschluß zu bringen. Die Reinschrift ist bis auf das letzte Kapitel fertig. So habe ich die letzten Wochen meines Urlaubs noch Zeit, die Arbeit in Druck zu bringen. Das wird allerdings noch einige Schwierigkeiten machen. Nochmals herzl. Dank für Eure Wünsche und für Mutter liebevolle Versorgung mit Futteralien! Herzlich grüßt Euch

Euer Gisbert