Gisbert Kranz an seine Familie, 8. März 1943
Bonn, den 8.III.43.
Liebe Eltern, liebe Brüder!
Euer Brief, für den ich herzl. danke, hat mir eine große Sorge vom Herzen genommen. Ich hatte Schlimmes von Essen gehört u. wollte Euch schon anrufen, doch hatten schon andere sich vergeblich um eine telefonische Verbindung nach Essen bemüht, sodaß ich es ließ. Außerdem hoffte ich, daß Steele auch diesmal nicht von den heftigen Luftangriffen berührt worden sei. Was Ihr mir nun über die Lage berichtet, ist ja furchtbar. Ich danke mit Euch dem Herrn, daß er Euch und unser Haus verschont hat. Ihr werdet froh sein, liebe Eltern, jetzt wenigstens zwei von uns Jungen bei Euch zu haben, die zupacken können, wo es not tut. Günter und Fritz meine Anerkennung für ihre Hilfsbereitschaft. – Auch in Köln war ein furchtbarer Angriff, der den vom Mai des vorigen Jahres noch überboten hat. Unter anderem ist die altehrwürdige Minoritenkirche mit dem Kolpingsgrab vollständig, das Wallraf-Richartz-
Museum teilweise zerstört. Bonn hat nichts mitbekommen. – Gestern besuchte ich Dresen. Ich soll Euch von ihm grüßen. – Mit meiner Arbeit habe ich mich an Prof. Dr. Kampmann gewandt, doch hat er augenblicklich keine Zeit, sie zu lesen. Ich bat darauf Prof. Romano Guardini – Berlin, ihm meine Arbeit einschicken zu dürfen. Heute erhielt ich seine Antwort. Er bedauert, wegen zu großer Beanspruchung meinen Wunsch nicht erfüllen zu können. Ich will mich jetzt an Dr. Heinrich Lützeler – Bonn wenden, der große Beziehungen zu Herder hat. Es ist so, daß heute für jedes einzelne Buch vom Verlag Papier beantragt werden muß. Bis zum 31.III. aber ist eine allg. Sperre für solche Anträge. Ich hatte mich vor 14 Tagen bereits mit dem Verlag Hanstein – Bonn in Verbindung gesetzt. Nun will ich versuchen, die Sorge für die Drucklegung einem andern zu übergeben, da ich mich nächsten Monat nicht mehr selbst darum kümmern kann. Ich habe aber wenig Hoffnung, etwas zu erreichen.
Anbei schicke ich das Konzept eines Vortrages, den ich in den Tagen der Luftangriffe auf Essen ausgearbeitet habe u. gestern hier im Leoninum hielt. Er hat eine große Diskussion ausgelöst. Es ging mir in diesen Ausführungen hauptsächlich darum, einen Sinn in das scheinbar wahnsinnige Geschehen unserer Zeit hineinzubringen. – Schickt diese Blätter bitte Karlheinz, sobald seine neue Anschrift bekannt ist.
Wir wollen uns ganz vertrauensvoll dem Schutz Gottes anempfehlen. Ich weiß, daß Ihr dieses gläubige Vertrauen habt u. in ihm Kraft und Stärke in dieser Zeit findet, wo wir täglich dem Tode u. dem wirtschaftl. Ruin ausgeliefert sind. Und ich weiß auch, daß Ihr, wenn es not tut, Euch in wahrhaft christlicher Nächstenliebe der obdachlosen Volksgenossen annehmen werdet, daß Ihr keine Mühe scheut, selbst unsympathischen Menschen ihr verlorenes Heim durch opferbereite Liebe zu ersetzen. Ich empfehle Euch, in das Abendgebet den Psalm 90 „Wer im Schutz des Allerhöchsten
steht...“ hineinzunehmen. Es ist der zweite Psalm der Sonntagskomplet u. steht im Gesangbuch wie in dem Heftchen der Deutschen Komplet.
Bleibt weiter beschützt u. seid herzl. gegrüßt von
Eurem Gisbert
Nb. Ich habe bei meinem Truppenteil Erholungsurlaub vom 31.III. bis zum 16.IV. beantragt, glaube aber kaum, daß man mein Gesuch genehmigen wird. Andernfalls könnte ich höchstens zwei Tage zu Hause bleiben, und das nur illegal.