Gisbert Kranz an seine Familie, 28. April 1943

Danzig, den 28.IV.43.

Meine Lieben!

Seid herzlich bedankt für Eure Ostergrüße und für Fritz’ Brief. Daß es Vater gesundheitlich so schlecht geht, tut mir leid. Ich wünsche ihm baldige Besserung. Daß Mutter mir trotz ihrer großen Arbeit noch einen Kuchen gebacken hat, war aber wirklich nicht nötig. Doch danke ich herzlichst dafür. Den Brief mit den Lebensmittelmarken habe ich leider noch nicht bekommen. Da sich in letzter Zeit hier im Bataillon Postdiebstähle häufen, fürchte ich, daß er verloren ist. Dumm, daß Ihr ihn nicht als Einschreiben aufgegeben habt. So sind nicht nur die Marken, sondern – worum es mir am meisten leid tut, auch die Briefe hin. Da ich von mehreren Herren wichtige Briefe erwarte, möchte ich wenigstens wissen, von wem die Post war, die Ihr mir nachgeschickt habt. Vielleicht könnt Ihr mir die Namen oder doch wenigstens den Absendeort nennen. –

Ostermontag habe ich mit Jupp Breuer wieder einen schönen Spaziergang durch den Staatsforst Oliva nach Zoppot gemacht. Anschließend sahen wir uns im Zoppoter Stadttheater den Urfaust an. –

Nach einer einstündigen Unterbrechung fahre ich fort. Ich habe inzwischen den verlorengeglaubten Brief bekommen und freue mich umso mehr. Der Grund der Verspätung liegt in der falschen Adressierung. Mutter hatte 1. GAB statt GEB geschrieben. So ist der Brief bereits 4 Kompanien durchlaufen und wäre noch durch das ganze Btl. kursiert, wenn nicht

ein Stubenkamerad zufällig bei der 4. Kp. meinen Brief erwischt hätte. Ich danke bestens für die Lebensmittelmarken. Wenn sie mich auch nicht zu Ostern pünktlich erreicht haben, so lebte ich die Feiertage doch nicht schlecht. Besonders gefreut habe ich mich über die Briefe zweier Kommilitonen, die mir beide einige Fotos aus dem Semester schickten. Das weckte liebe Erinnerungen in mir. Bonn, ach Bonn!

In der letzten Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum: Ich saß an meinem Arbeitstisch, der mit aufgeschlagenen Büchern und Manuskriptblättern bedeckt war. Da traten plötzlich einige ältere, mir unbekannte Offiziere ins Zimmer, näherten sich meinem Platz und wühlten in meinen Arbeiten herum. Eine Weile sah ich mir das an, dann aber protestierte ich: „Meine Herren, wenn Sie auch meine Vorgesetzten sind, so haben Sie doch kein Recht, hier meine Arbeiten durcheinander zu werfen und herumzuschnüffeln.“ Im selben Moment pfiff der Unteroffizier vom Dienst zum Wecken; es war ½ 6 Uhr. Ich erwachte und dachte an den vergangenen Tag, an dem wir mittags vom Regen völlig durchnäßt aus dem Gelände kamen. Möglich, daß es heute auch wieder regnet. „Und wenn es junge Hunde regnet“, sagte unser Leutnant, „es wird Dienst gemacht.“ Na meinetwegen laß es junge Hunde regnen. Stur heil! – Morgen soll ein „Kameradschaftsabend“ steigen. Wird wohl sehr steif werden. – Es wird Zeit, daß ich ins Bett gehe. Herzlichst alles Gute

Euer Gisbert

Bitte, schickt mir Briefe, die „cand. [.?.]“ adressiert sind, in einem besonderen Umschlag an mich weiter.