Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 14. Juni 1943
Langfuhr, Pfingstmontag. 1943.
Liebe Mutter!
Wieder beunruhigen mich die Meldungen von Luftangriffen auf Bochum und Düsseldorf. Hoffentlich ist Steele unbehelligt geblieben, und hoffentlich seid Ihr noch wohlauf. Kölzer, der in Urlaub bei seiner Frau in Düsseldorf ist, telegrafierte, er sei fliegergeschädigt. Vater wird in Wakenfeld auch unruhig sein und in Sorge um unser Heim. Ich schäme mich eigentlich, hier ruhig in Danzig zu sitzen, wo man von Krieg kaum etwas verspürt, während Ihr selbst die Feiertage nicht in ungetrübter Freude verbringen könnt. Aber vielleicht wird es Dir doch eine Freude sein, wenn ich Dir erzähle, wie ich die Pfingsttage mit zwei neuen Freunden sehr angenehm verbracht habe. Man trifft selten einen so feingebildeten Menschen wie Uffz. Hans Schulz, dem ich in diesem Lehrgang näher gekommen bin. Er ist Sachse, aber liebenswürdiger, als die Menschen seines Stammes meist zu sein pflegen. Vater von zwei reizenden Kindern, Akademiker von vielseitiger Bildung (Jura, Philosophie, Kunst u. a.), ungemein belesen und weit gereist, „gottgläubig“ zwar, aber tief religiös und ohne Haß und Fanatismus. Durch ihn lernte ich einen Prager Studenten der Philosophie kennen, Fritz Weigend, der Dramaturg werden will, ein lebhafter und geistvoller Kerl, selbst Viertelsjude, seine Braut Deutschrussin, ein lebendiger Tatkatholik (heute morgen gingen wir gemeinsam kommuni-
zieren). Ein Mann mit weltmännischer Lebensart, dem man in der Unterhaltung kaum anmerkt, daß er Soldat ist, mit dem EK. u. andern Auszeichnungen dekoriert. Mit beiden war ich gestern in Zoppot. Es war sehr schön. Wir haben abends gut gegessen und auch noch etwas Feines zu trinken bekommen. Ich freue mich, daß ich immer wieder solch liebe Menschen kennenlerne. Schade, daß ich sie Dir nicht zeigen kann; sie würden Dir gewiß auch gefallen. In unserm Lehrgang habe ich überhaupt interessante Menschen kennengelernt, die schon ein Jahrzehnt und mehr älter sind als ich und weit in der Welt herumgekommen sind. –
Wielange ich nun noch hierbleibe, weiß ich nicht. Samstag war ich zum erstenmal dieses Jahr wieder in Glettkau baden. So wird mir noch ein zweiter Danziger Sommer geschenkt. Ende dieser Woche wird es sich wohl entscheiden, ob ich bald fortkomme. Donnerstag machten wir eine Prüfung, die noch fortgesetzt werden soll, und deren Ergebnis entscheiden soll. Ich habe mit meinem Aufsatz bestens abgeschnitten und die Note 1 bekommen. Demnächst werde ich Dir das Manuskript zuschicken. Anbei das Konzept eines Vortrags, den ich kürzlich hier hielt. In den nächsten Tagen werde ich mit Büchern und Korrespondenzen einige schmutzige Taschentücher schicken. Ich bitte Dich, mir ungefähr 10 saubere Taschent. zu schicken.
In der Hoffnung, bald gute Nachrichten von Dir zu hören, grüße ich Dich und Fritz herzlichst.
Dein Gisbert