Gisbert Kranz an seine Familie, 4. Juli 1943
Pr. Holland, den 4.VII.43.
Meine Lieben daheim!
Heute denke ich an Mutter. Ob sie Ihren Namenstag wirklich in Ruhe und Entspannung und Freude verbringen durfte, wie ich es ihr wünschte? Der Krieg schlägt unserer Heimat immer grausamere Wunden, und kein Tag befreit uns von der ständigen Bedrohung. Hier freilich spürt man wenig vom Krieg. In dieser zur Beschaulichkeit anregenden Kleinstadt leben wir wie in einer Sommerfrische. Unsere Schulfahrten über Land sind eher Wirtschaftsfahrten zu nennen.
Mutters Paket habe ich noch nicht erhalten. Doch habe ich diesen Brief vom 23.VI. in Händen, wofür ich mich herzlich bedanke, vor allem für die Lebensmittelmarken, die mir gut zustatten kommen. Gestern habe ich mir Zucker gekauft und mit 3 ergatterten Eiern einen Krem nach allen Regeln der Kunst geschlagen.
Gestern lernte ich den hiesigen Pfarrer kennen, einen alten Weltkriegsoffizier. Hier ist Diaspora, stark mit Polen durchsetzt. –
Hoffentlich hält Vaters Gesundheit an. Und hoffentlich hat Mutter keine Mühe und neue Beschwerden durch wiederaufflackernde Krankheiten.
Der Brand der Zeit zehrt an unseren Nerven, doch wollen wir guten Mutes sein und auf Gott vertrauen, der noch keinen verlassen hat. Daß dieser Glaube Euch in allen Schwächen und Leiden nicht verlasse, wünscht Euch von Herzen Euer
Gisbert