Gisbert Kranz an seine Familie, 5. Juli 1943
Pr. Holland, den 5.VII.43.
Meine Lieben!
Noch immer habe ich keine Post von Euch. Ich hoffe, daß ich bald Nachrichten bekomme und daß es angenehme sind.
Heute war ich mit dem LKW in Frauenburg, der Stadt des Bischofs von Ermland und die Stadt des Nikolaus Kopernikus. Ich fahre schon ganz leidlich. Die Landschaft hier herum ist prachtvoll. So schön habe ich mir Ostpreußen nicht vorgestellt. Es soll aber an anderen Stellen noch schöner sein. Wellige Höhenzüge, Wälder und Seen, „schiefe Ebenen“, mit Kornfeldern u. Weiden, auf denen Pferdeherden sich tummeln. Das Korn steht hier gut. Der Herr gebe, daß wir es sicher und trocken zur Ernte bringen. Ich sage: wir. Denn das Brot auf dem Halm gehört dem ganzen Volke, mehr denn je wird uns dies in Kriegszeiten bewußt. Und mehr denn je ist die Sorge ums Brot nicht nur eine Sorge des Bauern, sondern des ganzen Volkes.
„Unser tägliches Brot gib uns heute. Vergib uns unsere Schuld und erlöse uns von dem Übel!“ Eine dankbare Aufgabe, die 7 Bitten des Vaterunsers unserer Zeit in ihrem ganzen Gehalt nahezubringen. Ich habe aber noch nie eine Predigt darüber gehört. Und doch liegen in diesen Bitten die ganzen Nöte unserer chaotischen Zeit.
Euer Gisbert