Gisbert Kranz an seine Familie, 18. Juli 1943

Pr. Holland, den 18.VII.43.

Meine Lieben!

Vorgestern sah ich eine von den Kuriositäten, an denen unsere Erde so reich ist. Wir waren nach Buchwalde gefahren, wo der Oberländische Kanal einen größeren Höhenunterschied überwindet. Die Schiffe werden hier nicht mit einer Schleuse oder einem Hebewerk hochgebracht, sondern in einem Schienenwagen, der wie eine kleine Helling aussieht, hochgezogen. Während ein Schiff bergabwärts geht, klettert ein anderes bergaufwärts. Die fehlende Energie wird durch Wasserkraft ersetzt. Die ganze Einrichtung nennt man „Schiefe Ebene“. Deren sind hier vier hintereinander. Meines Wissens gibt es sowas auf der Welt nicht noch einmal. Von diesen „Schiefen Ebenen“ hatte ich schon auf der Schule in der Erdkunde gehört. Sie wurden 1872 gebaut. Ich glaubte nicht, daß sie heute noch in Betrieb seien. Offenbar ist der Oberländische Kanal immer noch rentabel, denn der Warenverkehr seewärts wie landeinwärts hält auf ihm in unverminderter Stärke an. So hatten wir Gelegenheit, dieses merkwürdige Manöver der Durchschleusung in Buchwalde zu beobachten.

Eure Briefe habe ich erhalten. Ich freue mich, daß Mutter u. Fritz sich gut erholt haben. Fritz wird die Aus[s]pannung vor dem Dienst bei der Flak gut getan haben. Inzwischen wird er wohl auch schon in Uniform stecken. So sind wir 4 jetzt alle Soldaten. Einen Trost hat Fritz, der schneller zum Kommiß kam als er dachte, daß er bei der Flak bleibt und nicht zur Infanterie kommt. Die letzte Post

die ich von Günter erhielt, war vom 21.VI. datiert. Karlheinz schrieb mir noch am 26.VI. einen Brief, den ich beifüge. Er ist wieder im alten Abschnitt eingesetzt. Daß er inzwischen bei Orel steht, halte ich für unwahrscheinlich, da seine Einheit Ende Juni noch im Südabschnitt kämpfte.

Morgen und übermorgen werden wir unsere Prüfung machen. Mittwoch gehts nach Danzig zurück und dann hoffentlich in Urlaub. Als Uffz. werdet Ihr mich dann aber noch nicht sehn können, da die Beförderungen erst unmittelbar vor Abstellung zur Waffenschule herauskommen.

Herzl. Grüße und alles Gute

Euer Gisbert