Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 1. August 1943
Danzig, den 1. VIII.43.
Liebe Mutter!
Dein Brief hat mir einen Berg von Sorgen von der Seele gewälzt. Weiß ich Euch doch jetzt unverletzt und gesund. Ich bin froh, Dich trotz aller Enttäuschungen gelassen und auf Gottes Vorsehung vertrauend zu sehen. Unser Glaube, der uns lehrt, daß Einer ist, der mächtiger als alle tobenden Mächte dieser Welt, wird uns in diesen chaotischen Zeiten eine Quelle der Zuversicht und Ruhe.
Karlheinz hat ja sehr tapfer gekämpft. Daß er verwundet ist, wußte ich noch nicht. Durchschüsse sind nicht schlimm und heilen glatt und schnell. Wollen wir beten und hoffen, daß er in den
weiteren Einsätzen weiter Glück hat. – Günter schrieb mir auch einen interessanten Brief. Du wirst Dich freuen, ihn bald in Urlaub daheim zu haben. So ist wenigstens mal einer bei Euch, der Euch im Notfall beistehen kann. – Wenn die Bilder von Fritz fertig sind, schickt mir bitte auch einen Abzug. –
Alle Zeichen deuten darauf hin, daß der Krieg bald seinem Ende zu geht. Die Lage ist sehr ernst. Die italienischen Ereignisse sind ein Beispiel dafür, wie über Nacht ein System in sich zusammenbricht. (Wie sich die Dinge auswirken werden, läßt sich nicht abschätzen, da die Nachrichten sehr spärlich sind: Die Kommentare unserer Presse sind geradezu lächerlich.) Überhaupt hat sich in mir in den letzten Jahren mehr und mehr die
Erkenntnis befestigt, daß nichts so fest gegründet sein kann, um Anspruch auf Ewigkeit machen zu können.
Wir haben zu viel Erschütterungen und Überraschungen erlebt, als daß wir noch an die Absolutheit menschlicher Ideologien und politischer Systeme glauben können. Vielleicht werden wir in den nächsten Wochen noch mehr Überraschungen erleben. Doch wünsche ich, daß unserm Volk das Schicksal Italiens erspart bleibt. Es wäre das Ende, das ich nicht erleben möchte. Ich kann es nicht glauben, daß die unerhörten Opfer, die unser Volk in drei Jahrzehnten gebracht, völlig sinnlos gewesen sein sollten.
Wann ich nun abgestellt werde, weiß ich noch nicht. Ich hoffe, daß es recht bald sein möge. Die Division
liegt augenblicklich noch in Ruhe, doch vermute ich, daß sie bei der gegenwärtigen militärischen Lage bald eingesetzt wird. Ich sehe der Zukunft, soweit sie für mich persönlich entscheidend wird, gelassen, soweit sie das Schicksal unseres Volkes birgt, mit einer fast unerträglichen Spannung entgegen. Was gilt unser eigenes Leben, wenn das unseres ganzen Volkes in Gefahr ist!
Liebe Mutter, ich danke Dir für Deine ausführlichen Nachrichten. Ich bin glücklich, daß auch Dir noch kleine Freuden den schweren Werktag verklären können, und bedaure nur, daß ich selbst so wenig zu Deiner Erheiterung beitragen kann. Ich grüße Dich und Vater herzlichst
Dein Gisbert