Gisbert Kranz an seine Eltern, 7. August 1943
Langfuhr, den 7.VIII.43.
Liebe Eltern!
Hier geht in der letzten Woche verschiedenes durcheinander. Die Waffenschule ist örtlich u. zeitlich verschoben, was wir auf die Evakuierung Berlins zurückführen. Eine neue Inspektion ist eingetroffen, und so ist bei uns einiges Gedränge entstanden. Im übrigen wohnt es sich hier bedeutend besser als in der Leibhusarenkaserne. Die frühere Mädchenschule ist ein langgestreckter Bau mit nüchternen Linien, eher als Kaserne
[Zeichnung]
denn als Schule geeignet. Die Nüchternheit des von drei Seiten von glatten hohen Wänden abgeschlossenen und nur nach einer Seite zu einem Sportplatz hin offenen Hofes wird gemildert durch eine Schar Gänse und kleiner Hühnchen, die schon oft unser Exerzieren störten, und durch die Wäsche, die lustig zwischen den Bäumen flattert. An zwei, drei Stellen hat der Hausmeister beachtliche Kaninchenställe aufgebaut, und so behauptet sich selbst in diesem strengen Milieu eine hübsche Idylle. Gestern nachmittag fand ich einige Stunden Zeit, mich auf dem hohen, flachen Dach zu ergehen. Von hier oben hat man einen weiten Rundblick auf die eigenartige Landschaft. Ostwärts erstreckt sich das Gelände der Schichauwerft und der Häfen, im Südosten ragen die Türme der Stadt, St. Marien, St. Katharinen und der schlanke Rathausturm, nach Westen habe ich
gleich unter mir die Siedlung Neuschottland, dahinter Langfuhr, und ganz im Hintergrund ziehen sich die Höhen des Jäschkentaler Waldes und des Staatsforstes Oliva hin. Der Blick nach Norden aber fällt auf die See, die Danziger Bucht. Der Punkt, von dem aus ich dies alles sehe, ist nicht sehr hoch, und doch hat man die Welt zu Füßen und betrachtet alles „von hoher Warte“. So für kurze Zeit dem alltäglichen Dienst entrückt, rezitierte ich Schiller mit lauter Stimme (Gedichte muß man laut sprechen, Schiller unbedingt).
„Drum erhebe frohe Lieder,
Wer die Heimat wiedersieht,
Wem noch frisch das Leben blüht,
Denn nicht alle kehren wieder...
Ohne Wahl verteilt die Gaben,
Ohne Billigkeit das Glück,
Denn Patroklus liegt begraben,
Und Thersites kehrt zurück.
Weil das Glück aus seinen Tonnen
Die Geschichte blind verstreut,
Freue sich und jauchze heut,
Wer das Lebenslos gewonnen.
Morgen können wir’s nicht mehr.
Darum laßt uns heute leben!“
So nutze ich denn solche Stunden, die mir zwar selten geschenkt werden („Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr hält uns im Gleise“), und ich erlebe sie mit allen Sinnen.
Ich las jüngst eine Auswahl von Briefen und Schriften Moltkes, den ich für eine der edelsten Gestalten des vergangenen Jahrhunderts halte und dessen Lauterkeit im Charakter und dessen Feinheit im Stil ich sehr schätze. Wie reich war dieses 90 jährige Leben. Jugend in Kopenhagen u. Frankfurt a. Oder, Aufenthalt in Polen, Kriegsjahre in der
Türkei, Reisen nach Neapel, Sizilien, in alle Teile Deutschlands, Aufenthalt in Rom, Reisen nach Spanien, Frankreich, Moskau, Petersburg, Siegreiche Kriege in Dänemark, Böhmen, Frankreich. Mit heißem Atem habe ich seine ausgezeichneten Schilderungen all dieser Länder, Völker, Kriege und politischen Ereignisse gelesen, und ich habe mir im Stillen gewünscht, wenn mir schon nicht ein an äußeren Ereignissen so reiches Leben beschieden ist, so möchte ich doch wenigstens den Geist und die Augen dieses Mannes haben, die selbst den unscheinbarsten Dingen Bedeutung und Anmut gegeben hätten, und nicht zuletzt die Gelassenheit und das Gottvertrauen, das ihn in schwierigsten Situationen nicht verließ. Diese Eigenschaften werde ich gerade für die kommenden Monate
nötig brauchen. Hoffe ich doch recht bald nach Frankreich zu kommen, wo mich allerhand Neues und Schönes, vielleicht aber auch viel Schweres erwartet.
Für Vaters Brief sage ich meinen herzl. Dank. Ich sehe, daß Ihr viel Arbeit habt und wünsche sehr, Euch doch bald etwas helfen zu können. Hoffentlich ist Fritz bald wiederhergestellt. Der Junge muß schon recht früh seine Tapferkeit bewähren. Karlheinz schrieb mir inzwischen von seinen Verwundungen. Ich freue mich über die prächtige Gelassenheit, mit der er wie ein alter Krieger darüber berichtet. Nun wünsche ich Euch alles Gute und grüße Euch herzlichst
Euer Gisbert