Gisbert Kranz an seine Eltern, 16. August 1943

Danzig, den 16.VIII.43.

Meine lieben Eltern!

Meine Hoffnung, es werde eine Reihe von sonnigen Tagen kommen, hat sich doch nicht erfüllt. Es regnet und stürmt, nur von Zeit zu Zeit wagt sich die Sonne hervor, und ein Regenbogen steht über der Landschaft. Ich sah schon Bäume, die fast völlig entlaubt waren. So scheint der Sommer bereits zu Ende zu sein, und auf seine kurzen Freuden folgt ein langer Herbst. Sonntag war ich wieder allein. Denn meine Freunde sind fort, und von den Kameraden, die noch hiergeblieben sind, ist mir keiner sympathisch. Ich ging an die See und wunderte mich, den Strand menschenleer zu finden. Wo vor einer Woche noch lebhafter Badebetrieb herrschte, zeigte sich nun keine Seele mehr. Das Wasser war in der Tat sehr kalt und stark bewegt, der heftige Wind fegte den Sand hoch. Es kostete unter diesen Umständen einen herzhaften Entschluß, sich in die kühle Flut zu werfen, doch war das Vergnügen nachher umso größer: Ich hatte das Meer für mich allein. Damit war meine Sonntagsfreude vorüber. Ich hätte gerne am Abend etwas Wärme und Geselligkeit gehabt, und dachte mir, wie schön es sei, wenn ich nun mit Euch beisammensitzen könnte. Ist Günter jetzt daheim? Ich wünsche ihm einen recht schönen Urlaub. Vielleicht komme ich noch gerade zur rechten Zeit, daß ich ihn noch antreffe. Doch wage ich kaum zu hoffen, daß es sobald etwas mit meinem Urlaub wird. Der Dienst wird mir immer langweiliger, doch „seine ewig gleichgestellte Uhr hält uns im Geleise“. Euch einen herzlichen Gruß

Euer Gisbert