Gisbert Kranz an seine Eltern, 1. Oktober 1943
Danzig, den 1.X.43.
Liebe Eltern!
Den ganzen Urlaub brauchte ich den Luftschutzkeller nicht aufzusuchen. Aber am ersten Abend hier in Danzig mußte ich schon hinunter. Im übrigen verbringe ich hier einen kleinen Nachurlaub. Wir liegen mit sechs Uffz. auf unserer großen, alten Stube, eine verschworene Gemeinschaft. Kölzer, der jetzt auch Korporal geworden ist, hat eine Kiste Wein unterwegs; und dieser Tage wollen wir uns mit Firma Stobbe in Tiegenhof in Verbindung setzen und Machandel besorgen. So werden wir uns die letzten Tage, die uns hier noch vergönnt sind, das Leben so angenehm wie möglich gestalten. Dienst haben
wir überhaupt keinen. Morgens schlafen wir bis 8, 9 Uhr. Dann ziehen wir uns die Ausgehgarnitur an (anderes haben wir ja noch nicht empfangen) und gehen flitzen. Gestern abend war ich im Theater. Das Stück nannte sich Lustspiel, war aber wenig geistreich. Szenischer Aufbau mangelhaft, das Ganze miserabel. Der Vorwurf hätte sich für einen Film besser geeignet. Für die Bühne in dieser Form unmöglich. – Wir werden also noch ein paar nette Tage haben, hoffen aber doch bald in Gegenden wärmeren Klimas zu kommen, denn hier beginnt es empfindlich kalt zu werden.
Herzl. Grüße
Euer Gisbert