Gisbert Kranz an seine Eltern, 9. Oktober 1943

Danzig, den 9.X.43.

Meine Lieben!

Heute mittag flogen bei hellem Sonnenschein in beträchtlicher Höhe mehrere amerikan. Geschwader über Danzig, warfen Flugblätter ab und bombardierten Brösen, Gotenhafen u. a. Danzig selbst, das sofort eingenebelt wurde, blieb ungetroffen. –

Donnerstag abend sah ich im Staatstheater „Jugend“. Der 78 jährige Max Halbe, ein Sohn Danzigs, war anwesend und wurde am Schluß der Vorstellung lebhaft gefeiert. Wenig taktvoll zeigte sich freilich das Publikum, das zur Hälfte schon das Haus verlassen hatte, als der Dichter beim zweiten Vorhang auf der Bühne erschien.

Heute nachmittag ein Kammermusikabend mit Sonaten u. andern Werken J. S. Bachs, Violine u. Cembalo. Morgen

Konzert in St. Bartholomäi mit Kantaten von Bach. –

Dies sind die Ereignisse und Erlebnisse der letzten Tage. Im übrigen langweile ich mich entsetzlich und warte brennend auf meine Abstellung, die immer noch auf sich warten läßt.

Alles Gute und herzl. Grüße

Euer Gisbert

Vater bitte ich, mir 50 M zu schicken, die von meiner Kriegsbesoldung abzuziehen sind. Ist überhaupt schon Gelt für mich überwiesen worden?