Gisbert Kranz an seine Eltern, 21. Oktober 1943
Danzig 21.X.43.
Meine lieben Eltern!
Endlich ist der Befehl zu unserer Abstellung da. Über das Wann und Wohin wissen wir freilich noch nichts. Nun hat sich gestern etwas ereignet, was meinem Schicksal eine ganz neue Wendung geben wird.
Ein Gefreiter, Propagandaleiter in der Partei, hielt uns einen polit. Vortrag. Er enthielt einige scharfe Polemiken gegen die Kirche. Am Schluß der Rede meldete ich mich zu Wort und stellte die Frage, ob sich der Nationalsozialismus nur gegen die Kirchen als Institutionen mit politischer Bedeutung richte oder gegen die Lehre des Christentums überhaupt. Ich
wies dabei auf die bekannte Stelle im Parteiprogramm („positives Christentum“) und auf die Ideen H. St. Chamberlains, des geist. Vorläufers der Nationalsoz., hin. Die Antwort lautete: Gegen das Christentum überhaupt. – Es entspann sich eine Diskussion während der ich noch darauf aufmerksam machte, daß der Redner sich in einigen Punkten mit den Ausführungen Löbsaks (ich schrieb seinerzeit davon) in Widerspruch setzte. – Der ganze Vorfall wurde dem Chef (S.A.-Oberführer) bekannt. Daraufhin sagte dieser mir, daß in der „Feldherrnhalle“ kein Platz für mich sei. Er wolle dafür
sorgen, daß ich zu einem andern Truppenteil komme, soweit sich das jetzt, da ich abgestellt werden soll, noch ändern lasse. Ich pflichtete ihm vollkommen bei und äußerte meinen Wunsch, zu meinem alten Truppenteil dem J.R. 60 (Garnison Rheine i. W.) versetzt zu werden. Er notierte sich dies. Außerdem erinnerte ich ihn daran, daß ich ihn bereits vor zwei Wochen um meine Versetzung zu einem andern Feldtruppenteil gebeten habe. – Der ganze Vorfall hat großen Staub aufgewirbelt, doch habe ich den Eindruck, daß Vorgesetzte und Kameraden meinen Mut
zur Konsequenz achten. –
Liebe Eltern! Ich weiß noch nicht, was nun daraus wird. Eins ist jedenfalls sicher: Ich bleibe nicht mehr lange in der „Feldherrnhalle“. Meine Beurteilung wird gewiß schon mit einem entsprechenden Vermerk über meine „politische“ Zuverlässigkeit versehen sein. Leider verwechselt man auch hier immer wieder Politik u. Weltanschauung. Sehr wahrscheinlich ist es jetzt auch mit meiner Offizierslaufbahn aus, auch bei einer anderen Einheit. Doch das trifft mich nicht sehr. Ich schrieb Euch kürzlich noch,
daß mir das Schicksal meines Volkes nun wichtiger ist als die Sorge um meine eigene Zukunft. Außerdem würden ja ohnehin noch zwei Jahre verstreichen, eh’ ich Leutnant sein kann. Es ist also gleichgültig. –
Ich bitte Euch, von alledem noch nichts meinen Bekannten zu erzählen. Wir wollen vorläufig erst einmal abwarten, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Ich erwäge jedenfalls schon die Möglichkeit, anstatt nach Italien nun nach Rußland zu kommen.
Herzlich grüßt Euch
Euer Gisbert