Gisbert Kranz an seine Familie, 4. November 1943

Zwischen Darmstadt u. Heidelberg, 4.XI.43

Meine Lieben! Nachdem wir Montag uns nochmal im Eulenspiegel in Danzig amüsiert hatten, fuhren wir Dienstag abend ab. Von Danzig nach Avignon – quer durch Europa. Die „Reisegesellschaft“: Uffz. Hans Schulz, Jurist aus Dresden, Uffz. Alfred Kölzer, Dipl. Ing. aus Düsseldorf, Fw. Jobst Holfeld, cand. med. aus Görlitz, Fw. Erwin Höppner, Reichsbahnrat aus Hambg, Uffz. Helmut Autenrieb, Schiffsmakler aus Danzig und Uffz. Gottfried Weichbrodt, stud. jur. aus Danzig – mit mir 7 Offz.-Anwärter – eine verschworene Gemeinschaft, die in einem halben Jahr voll Freude und Leid zusammengeschweißt wurde. Der Reichsbahner Höppner besorgte uns mit Hilfe von Diplomatie und Beziehungen ein Abteil für uns. Sonst hätten wir in dem vollbesetzten Urlauber-

zug keinen Platz gefunden. – Mittwoch morgen Ankunft in Berlin. Da der nächste Zug nach Mülhausen erst am Abend fuhr, konnten wir den Tag über in der Hauptstadt bleiben. Jobst besuchte seinen Onkel, Alfred seinen Bruder, einen Korvettenkapitän, und ich stieg mit Hans, Helmut und Gottfried im Liegnitzer Hof ab, wo wir uns erst mal wuschen und frühstückten. Ich fuhr dann nach Lichterfelde, wo ich auch wirklich meinen Freund Jupp Breuer auf der Feuerwerkerschule antraf. Jupp bekam für den Nachmittag Urlaub, und so verbrachten wir zwei ein paar herrliche Stunden. Wir schlenderten kreuz und quer durch Berlin: wandelten Unter den Linden, besuchten Ehrenmal und Zeughaus, auch die völlig zerstörte Hedwigsbasilika. Auf unserm weiteren Weg erlebte ich eine merkwürdige Überraschung: Vor zwei Wochen las ich „Die Chronik der Sperlingsgasse“ von Wilhelm Raabe. Die Aus-

gabe enthielt eine Zeichnung dieses Winkels. Ihr könnt Euch mein Erstaunen vorstellen, als ich plötzlich vor den Häusern der Sperlingsgasse stehe und die Brücke sehe, die ich garnicht in Wirklichkeit existierend glaubte. Und richtig war auch auf einer Gedenktafel zu lesen: „In diesem Hause wohnte W. Raabe...“ Zufällig und unerwartet gelangte ich an diesen Ort. – Den Abend verbrachten wir in einem Kaffee am Kurfürstendamm. Und zum Schluß schlenderten wir Arm in Arm durch die verdunkelte Weltstadt zum Bahnhof Zoo, von wo aus ich rasch mit der S-Bahn den Schles. Bahnhof erreichte. Am Bhf. Friedrichstr. verabschiedete ich mich von Jupp, und auf dem Schlesischen traf ich wieder mit meinen Gefährten zusammen, die nach und nach eintrafen. Jobst brachte seinen Onkel mit, einen berühmten Rechtsanwalt, ein drolliger alter Herr mit Monokel und weißen

Haaren. Was haben wir gelacht! Nun rollte unser Zug ein. Dieser Betrieb! Durch die Fenster mußten wir einsteigen, aber wir bekamen Platz. – Der nächste Morgen sah uns in Fulda. Dann Frankfurt, sehr zerstört. Über Darmstadt am Odenwald vorbei, die Bergstraße entlang. Alte Studentenlieder klangen auf, ein Medizinstudent, der sich in Berlin uns zugesellt hatte, begleitete uns auf dem Akkordeon. –

Nun liegt die Bergstraße hinter uns, wir fahren dem Rheine zu. Straßburg.

 

Avignon, 5.XI.43. (abends)

In Mülhausen erfuhren wir von Landsern, daß die Div. Feldherrnhalle in Lille nunmehr liege. Wir dachten aber garnicht daran, auf den Süden, den wir mit heißem Herzen erwartet hatten, zu verzichten, verdeckten also, uns tarnend, unsere Ärmelstreifen, damit uns nicht ein Offizier unerwünschter

Weise in den Zug nach Lille befahl, und schwangen uns ohne Skrupel in den Zug nach Avignon, nach welcher Stadt unser Marschbefehl lautete. Wir sind denn auch glücklich hierhin gekommen und bereuen es nicht.

Die Fahrt ging durch die herrliche Parklandschaft Burgunds, der Freitagmorgen fand uns zwischen Doire und Saone. Mittags kurzer Aufenthalt in Lyon, eine Stadt, die mir, zwar aufgrund rascher Eindrücke, als eine merkwürdig [.?.] Bild in der Erinnerung bleibt. Einerseits repräsentativ, anderseits trostlos. Südlich Lyon heiterte sich der Himmel auf, und die Sonne des Südens leuchtete uns über einer einzigartigen Landschaft. Wir fuhren zwischen Languedoc und Provence durchs Rhônetal, zuweilen an mächtigen Gebirgen vorbei; die Zinnen manch trotziger Burg grüßten

uns, und in raschem Wechsel eilten farbenfrohe Bilder uns entzückend vorüber. Eine Landschaft von einer unbeschreiblichen Schönheit, man müßte denn ein Dichter sein, sie besingen zu können. Jetzt weiß ich, wo Vinzent van Gogh seine Farben hernahm. Tiefblauer Himmel, hellgraue und ockergelbe Mauern, Türme und Festungen, rötliche Erde und das Dunkelgrün der Zypressen und das herbstliche Orange der Pappeln u. Pinien, dazu die grünblauen Gletscherwasser der Rhône – ein Fest für die Augen. Die römische Art der Häuser, die besondere, malerische Tönung der Ziegeldächer – wie soll ich Euch das alles schildern? Ich habe es schon oft auf Bildern gesehen und hielt die Farben für unwirklich, aber nein, sie sind so, und noch viel intensiver.

Gegen 3 pm. in Avignon, der Stadt, an der ein Stück entscheidender Kirchengeschichte klebt. Ich war in der Papstburg, grandioser Eindruck, wahrhaft imperiale Baukunst, wundervolle romanische Kathedrale mit herrlichen Portal (der Turm leider durch später zugefügten Aufsatz verunstaltet). Vom Park aus ein unvergeßlicher Blick ins Rhônetal. Ich kaufte für wenige Franken Fotos, die Erinnerung wachhalten sollen; ich zeige sie Euch später. Abends roten Wein.

Und nun bin ich müde vom Reisen und Schauen. Ich sah märchenhafte, fantastische Dinge. Und morgen geht die Reise zurück durch ganz Frankreich über Paris nach Lille.

Paris, Samstagabend 6.XI.43.

Heute morgen mit Hans Schulz Besichtigung der Papstburg (Palais des Papes) unter Führung eines Professors der Kunstgeschichte. Sienesische und florentinische Fresken. Vom Turm prachtvolle Aussicht auf Stadt und Rhônetal. – 10 Uhr Abfahrt wieder nordwärts über Orangé, Lyon; es fehlt mir die Zeit, alle Eindrücke dieser reichen Tage zu schildern. Angenehme Fahrt in Polsterklasse. Gegen 22 Uhr Ankunft in Paris. Hier bleiben wir den Sonntag über. Wohne in einem erstklassigen Hotel, Einzelzimmer mit Bad, Zimmertelefon und allem Komfort. Fühle mich

mal wieder ganz als zivilisierter Mitteleuropäer.

 

Paris, 7.XI.

Um 9 Uhr erwachte ich in meinem Federbett. Frühstück, Empfang von Lebensmittelkarten aus der Kommandantur u. Mittagessen. Dann ein Gang durch die Stadt. Nôtre Dame, Louvre, Place de la Concorde, Invalidendom mit dem Grab Napoleons, Quai d’Orsay – dies die wichtigsten Punkte, die ich sah. Das Schönste aber, was es gibt: La Sainte Chapelle, Gotique flamboyante, ein prachtvolles Schmuckkästchen. Die herrlichsten Glasmalereien leider heraus-

genommen. Um 17 Uhr wieder im Hôtel am Place de l’Opera. 17.25 ging der Zug nach Lille ab vom Gare du Nord. Die andern Kameraden waren schon fort. (Jeder war seinen eigenen Interessen nachgegangen). Nach einer tollen Fahrt mit der Metro (Untergrundbahn) kam ich noch gerade so zeitig am Gare du Nord an, daß ich auf den bereits angefahrenen Zug springen konnte. Ich erwischte gerade noch den letzten Packwagen. Hier sitze ich nun

froh, daß alles geklappt hat, und gespannt darauf, wie uns in Lille die Division aufnehmen wird und zu welchem Regiment u. zu welchem Bataillon ich zugeteilt werde. Im 1. Btl. des Füsilierregiments sind die meisten alten 120.er, darunter manch alter Bekannter von mir. Dort möchte ich hin.

 

8.XI.

In Lille fanden sich die „sieben Schwaben“ wieder zusammen. Übernachtung in einem schönen Jesuitenkolleg. Fahrt nach Arras, wo die Division liegt. Dejeuner im Speisewagen.

Arras, 8.XI. nachm.

Dem Füsilierregiment zugeteilt. Es liegt in einem Kaff zwischen Amiens u. Arras. – Den mehrstündigen Aufenthalt in Arras nutzten wir zu einem Spaziergang durch die Stadt, die prachtvolle, im Stil einheitliche Plätze hat. Sehr schönes Rathaus, Gotik u. Renaissance. Klassizistische Kathedrale, sehr eigenartiger Raumeindruck. – Gutes Mittagessen in einem Hotel, ohne Marken, 30 frs. – 1,50 M. – Inzwischen Weiterfahrt zum Rgt. Eintönige Landschaft. Beim Rgt. platzen wir mitten in die Vorbereitungen zur 20-Jahrfeier des 9. November, die in der Div. „F“ natürlich besonders festlich begangen wird.

O. U., den 9.IX. [richtig wohl: XI] 43.

Gestern Nachm. blieben wir in Albert, wo wir auch in der Kommandantur übernachteten, da die Verbindung zu dem Ort, wo der Regimentsstab liegt, sehr schlecht ist. Heute morgen Weiterfahrt in einer Kleinbahn von bezaubernder Primitivität. Rechts und links das Schlachtfeld des Weltkrieges 1917, viele Kriegerfriedhöfe. – Nachm. Ankunft beim Rgt. Wunschgemäß dem 1. Btl. zugeteilt. Augenblicklich warte ich auf einen Wagen, der mich mit 4 andern Uffz. zum Btl. fahren soll. Inzwischen ist es bereits dunkel geworden. –

Die Sieben Schwaben werden nun endlich doch auseinandergerissen.

Schade

O. U: 10.XI. (Rubempré)

Ich bin mit Weichbrodt der 1. Kp. zugeteilt worden. Dort habe ich noch einige alte Bekannte. Gerade sind wir dem Kommandeur, Hptm. Schöning, vorgestellt worden. – Die Kompanien liegen in elenden Dörfern, deren Trostlosigkeit nach all den Schönheiten, die ich in der letzten Woche sah, mich doppelt stark bedrückt. Aber lange werde ich hier ja nicht bleiben. –

Mein Geld ist alle. Ich bitte Euch, schickt mir sofort 50 M (mehr kann ich mir nicht kommen lassen), dann in Päckchen soviel Reichskreditscheine wie möglich. Aber kein deutsches Geld! Euer Päckchen mit Taschentüchern habe ich nicht mehr erhalten. Schickt es mir bitte baldigst nach mit 1 Waschlappen! –

Herzliche Grüße Euer Gisbert

Meine Feldpostnr. 22316 B