Gisbert Kranz an seine Eltern, 13. November 1943

Rubempré

13.XI.43. Liebe Eltern!

Seit Tagen haben wir Regen, Regen und nochmals Regen. Und so wird es vorläufig bleiben. Dabei Dienst im Gelände von morgens bis in die Nacht hinein, sodaß man kaum noch einen trockenen Faden hat. Doch da ich mich beim Kommiß schon an solche widrigen Umstände gewöhnt habe, kann mich auch das nicht erschüttern. Auch denke ich daran, daß es in Rußland um diese Jahreszeit um vieles unangenehmer ist.

Ein Lichtblick in diesen trüben Tagen war die Fahrt nach Amiens, die das Unteroffizierskorps unserer Kompanie am heutigen Nachmittag veranstaltete. Wir besichtigten die Kathedrale, eine der schönsten

ganz Frankreichs. Auf Wunsch Leutnant Schmidts machte ich den [.?.]; ich mußte ihn machen, obwohl ich mich anfangs dagegen sträubte, da ich ja selbst die Kathedrale zum ersten mal sah. Ich erklärte dann Konstruktion u. Bauelemente des gotischen Stils, wies auf besondere Schönheiten des Baues hin und machte auf die Unterschiede zwischen französ. Gotik u. deutscher Gotik (St. Marien in Danzig) aufmerksam. Die Kathedrale ist noch völlig erhalten, obwohl ringsum der Krieg starke Verwüstungen hinterlassen hat. Übrigens fiel mir in dieser Beziehung Arras auf, das bis auf wenige Häuser völlig erhalten ist. Dies ist umso erstaunlicher,

wenn man bedenkt, daß Arras im Brennpunkt vieler Schlachten zweier Kriege lag. Arras hat herrliche, große Marktplätze, deren Häuser – die Giebelseite zeigend – alle einheitlich im Stil sind und einen geschlossenen Eindruck geben, wie man ihn selten findet. Charakteristisch sind ihnen die Bogengänge, die an den Prinzipalmarkt zu Münster erinnern. In Arras sah ich auch die Kathedrale, nicht gotisch, sondern klassizistisch, eine große Seltenheit im Kirchenbau. Ihr Inneres gleicht eher einem Profanbau. Ich meine, die Caracallathermen des alten Roms müssen so ausgesehen haben. –

Nun habe ich einige der herrlichsten gotischen Kathedralen gesehen, und ich

bin froh, daß ich dazu Gelegenheit hatte. Ich habe mir schon vorgenommen, nach dem Kriege eine Frankreichreise zu machen, eine Pilgerfahrt zur nordfranzösischen Gotik und einen Zug durch die prächtige Landschaft des Südens. Von beidem habe ich gekostet, aber mein Hunger ist jetzt noch stärker geworden. –

Die Unfreundlichkeit von Klima und Landschaft dieser Gegend wird gemildert durch die aufrichtige Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer ländlichen Bevölkerung. Das ist mehr als bloße Höflichkeit oder gar Berechnung. Ich wohne bei einem alten Junggesellen in Privatquartier. Er ist Frontsoldat des Weltkrieges, war in deutscher Gefangenschaft. Er sorgt für mich wie ein Vater. Ich bin jeden Abend bei ihm zum Essen eingeladen. – Demnächst mehr. Herzl. Grüße

Euer Gisbert