Gisbert Kranz an seine Eltern, 23. November 1943

Buire-sur-l’Anere

22.XI.43.

Meine lieben Eltern!

Nun bin ich gar zum „summus pontifex“ berufen. Das heißt nicht zum Papst, sondern zum „Häuptling der Brückenbauer“, zum Pionieroffizier. Vor zwei Stunden erfuhr ich plötzlich und völlig überraschend, daß ich auf höheren Befehl zum Pionierbatl. unserer Division versetzt sei und morgen schon beim Btl. sein müsse. Ich erklärte meinem Kompaniechef, daß ich zum Pionier nicht geeignet sei und lieber Infanterist bleibe; doch der Befehl ist da, und es läßt sich jetzt nichts mehr daran ändern. So komme ich nun zu einer neuen Einheit, es ist, glaube ich, die zwanzigste oder einundzwanzigste,

bei der ich Dienst tue; nach und nach mache ich alle Waffengattungen durch. Infanterie zu Fuß, Mot-Truppe und Panzergrenadiere kenne ich inzwischen, und als Mariner bin ich auch schon ausgebildet worden. Ich staune fast selbst ob meiner universalen Ausbildung. –

Diese Veränderung bringt mir im Augenblick manche Nachteile. Ich muß die Kompanie verlassen, in die ich mich gerade eingelebt habe. Ich muß Abschied nehmen von einigen alten Bekannten und von einigen netten Menschen, die ich hier neu kennenlernte. Auch werde ich mich noch eine Weile weiter gedulden müssen, ehe ich von Euch Nachricht erhalte. Ich habe hier veranlaßt, daß die Post, die ja in

den nächsten Tagen für mich eintreffen muß, nicht an den Absender zurück geht, sondern an meine neue Anschrift geschickt wird. Ich werde Euch meine neue Fpnr. sofort mitteilen. So hoffe ich, meine Weihnachtspost doch noch rechtzeitig zu erhalten.

Obschon die Versetzung – wie gesagt – für mich völlig unvermutet kam, und obschon sie vorerst mit einigen Nachteilen für mich verbunden ist, ist sie doch nicht ohne Reiz für mein abenteuerliches Herz. Auch glaube ich, daß dieser Wechsel der Verhältnisse auf die Dauer sich vorteilhaft auswirken wird. Vorläufig bleibe ich noch in der „Feldherrnhalle“. Vielleicht werde ich mich aber doch als untauglich für die Pionierwaffe

erweisen und so einen Anlaß finden, zu einem andern Regiment versetzt zu werden. Wie weit sich das alles auf meine Offizierslaufbahn auswirken wird, läßt sich jetzt noch nicht abschätzen. Ich warte einstweilen, da mir nichts anderes übrigbleibt, erst einmal in Ruhe und Geduld das Kommende ab. –

Hoffentlich dauert es nicht sehr lange bis ich von Euch Nachrichten bekomme. Ich wünsche, daß es nur angenehme sind. Ich hätte Euch noch vieles mitzuteilen, doch muß ich jetzt meine Sachen packen.

Es grüßt Euch herzlich

Euer Gisbert