Gisbert Kranz an seine Eltern, 28. November 1943

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1. Advent   28.XI.43.

Liebe Eltern!

Nun bin ich schon einige Tage bei meiner neuen Einheit. Bei der Vielseitigkeit unserer Waffe ist der Dienst sehr interessant. Ehe ich freilich mit Flammenwerfern, Pontons und Sprengmitteln umzugehen verstehe, muß ich noch viel lernen. Doch hoffe ich zuversichtlich, daß ich es schaffe und im März zur Waffenschule (bei Dessau) komme. In dieser Hoffnung bestärkt mich die Tatsache, daß ich wegen des außerordentlichen Mangels an Pionieroffizieren hierherversetzt worden bin. Mein Kommandeur wird also im eigenen Interesse dafür sorgen, daß ich

– wenn nur irgend möglich – zum nächsten Fahnenjunkerlehrgang komme.

– In mancher Beziehung haben sich meine Verhältnisse durch die Versetzung verschlechtert. So läßt mein Quartier sehr zu wünschen übrig. Ich wohne nicht – wie bisher allein und privat, sondern mit Mannschaften zusammen. Ob dieser Zustand bleibt, weiß ich nicht. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, daß bald die ganze Einheit wieder umzieht. –

Wie ich erfuhr ist Kölzer, mein alter Genosse, inzwischen ebenfalls zum Pi.Btl. versetzt worden, leider in eine andere Kompanie. In dieser Kompanie habe ich keinen von meinen alten Kameraden mehr. Dafür lernte ich einen prächtigen Danziger Jungen kennen; ND-er und angehender Medizinstudent, ein aufgeweckter,

liebenswürdiger Kerl. Er kam mit mir vom Füs. Rgt. hierher. Ich bin sehr froh, auch hier einen Menschen zu haben, der mir durch gleichen Glauben und gleiche Ideale verbunden ist. Ihr glaubt nicht, wie wichtig das hier ist. So ist man nie völlig allein; man fühlt auch hier etwas von der Gemeinschaft der Kirche, deren Glied man ist, und dieses Bewußtsein gibt einem neue Kräfte. So ging es mir auch, wenn ich hin- und wieder mal in eine Dorfkirche der Picardie eintrat: Wohl empfand ich jedesmal die Armut und Dürftigkeit des Raumes, die Fremdheit des Schmuckes und der Altäre – aber ich spürte: Hier ist Christus, hier ist eine [......], Kirche, Gemeinde. Umso schmerzvoller ist es, wenn man weiß; Hier wird jeden

Morgen das Opfer dargebracht, und man selbst kann nicht teilnehmen. Wehrmachtgottesdienst ist hier nicht, und am franz. dürfen wir nicht teilnehmen. So steht man wie ein Ausgeschlossener vor der Kirche. Seit einem Monat bin ich ohne Messe und ohne Sakramente. –

Gestern war ich in A. (Albert), einer Stadt in unserer Nähe, wo ich mit einem Teil der Kompanie das Soldatenheim und das Kino besuchte. A. war im Weltkrieg völlig zerstört, wurde später im Steinbaukastenstil wieder aufgebaut: ein wenig erfreulicher Anblick. –

In Gedanken stets bei Euch

Euer Gisbert.