Gisbert Kranz an seinen Bruder Karl-Heinz, 10. Dezember 1943
10.XII.43
Lieber Karlheinz!
Diesen Brief schreibe ich Dir auf der Reise nach Brügge. Meine Vermutung, bald wieder versetzt zu werden, hat sich bestätigt. Da meine alte Division nun zum Osten kommt, ich selbst aber für Rußland nicht verwendungsfähig bin, muß ich wieder die Einheit wechseln. Das Erfreulich daran ist der Umstand, daß ich nun wieder von den Pionieren zur Infanterie wegkomme. Vielleicht habe ich auch das Glück, daß der Ersatztruppenteil meines neuen Regimentes in Westdeutschland liegt. Doch das weiß ich jetzt noch nicht. Mit welch gespannter Erwartung ich meinem neuen Haufen entgegenfahre, kannst Du Dir wohl lebhaft denken. –
Vorgestern erhielt ich Deinen lieben Brief aus Vaihingen, für den ich herzlich danke. Ich bin glücklich, daß
Deine Wunden rasch heilen und daß Du schon Urlaubspläne schmiedest. Und ich freue mich auch darüber, daß Du die Ruhe des Lazaretts zu geistiger Wiederbelebung und eifrigem Studium benutzt. Ich habe es im Lazarett ebenso gehalten. Damals las ich auch einige der nordischen Dichter, die ich sehr liebe in ihrer Klarheit und edlen Reinheit. Gulbransson ist nicht der bedeutendste unter ihnen, aber sein „Und ewig singen die Wälder“ hat mir gut gefallen. Ich empfehle Dir sehr Björnstjerne Björnson. Die einfache Schönheit seiner Sprache und die Anmut und Liebenswürdigkeit seiner Gestalten werden Dich ebenso erfreuen wie sie mich entzückt haben. – Es ist erfreulich, daß Du den Faust zur Hand genommen hast. Daß Du ihn zunächst ohne Kommentar liest, ist eher ein Vorteil als ein Fehler. Ich vermute, daß Du die Ausgabe des Fickentscher-Verlages (Hafis-Bücherei) besitzt. An
dem Vorwort dieser Ausgabe läßt sich manches aussetzen, es ist auch – wie Du richtig bemerkt hast – nicht ohne Widersprüche. Daß Das Verständnis dieses Buches Dir nicht gleich beim ersten Lesen kommt, darf Dich nicht verdrießen. Der Zugang zu solch erhabenen Schöpfungen ist nie leicht, sie wollen immer wieder aufs Neue ergründet werden und erschließen sich in ihren letzten Tiefen erst dem reifen Menschen. Es wird Dir gehen wie mir, daß Die der Tragödie zweiter Teil zunächst dunkel bleibt und Du nichts damit anzufangen weißt. Dafür wird Dir Faust I. verständlicher sein.
Um dies Werk zu begreifen, mußt Du Dir zuerst einmal über das Wesen der Dichtung im Klaren sein. Dichtung – sofern sie echt ist und aus einem berufenen Geist und aus einem tiefen Herzen kommt – ist nicht Abklatsch des Lebens – darin unterscheidet sie sich vom Film, der nur bestrebt ist, einen Ausschnitt
des Lebens zu kopieren. Sie sammelt vielmehr die vielfältigen Erscheinungen des Lebens wie in einem Brennglas, sie „verdichtet“ das Leben, sieht seine Äußerungen in höheren Zusammenhängen und gibt ihnen Ordnung und Sinn. So ist echte Dichtung immer transzendental gerichtet, metaphysisch, so sehr, daß ihre erhabensten Schöpfungen mehr an Philosophie enthalten als das feinst ausgeklügelte System eines Dialektikers. Platon, Dante, Shakespeare, Cervantes, Goethe, Dostojewski – sie sind ebenso sehr Philosophen wie Dichter. Und welch eine Metaphysik enthält Goethes Faust. – Dichtung verdichtet die Erscheinungen des Lebens. „Faust“ enthält sie in Fülle. „Greift nur hinein ins volle Menschenleben
und wo ihr’s packt, ist’s interessant“, heißt es im Prolog. Echte Dichtung beschränkt sich aber nicht darauf, die sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen dieser Welt zu schildern und zu denken, sie greift auch in die Welt des Übersinnlichen, des Irrationalen, des Dämonischen, des Mystischen. Realisten, die auf dem „gesicherten“ Boden der Naturwissenschaft stehen und mit dem Rechenschieber an sie herantreten, können nur ein geringschätziges Lächeln aufbringen für Dantes Fahrt durch Hölle und Fegefeuer, für die Geistererscheinungen im „Hamlet“ und „Faust“, für die Abenteuer Don Quichottes und für die Legende vom Großinquisitor Dostojewskis. Wie arm sind sie mit ihrer ganzen Logik! Sie glauben, die Welt erkannt zu haben, auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen, wissen aber nicht um höhere
Wirklichkeiten und leugnen das Jenseitige, weil es über ihre Vernunft hinausgreift. Sie haben die „Teile in der Hand, fehlt – leider – nur das geistige Band“. Kannst Du nun verstehen, warum ich die fantastischen Erzählungen der Romantiker so schätze, den Peter Schlemihl, der seinen Schatten verlor, und wie alle diese unwirklichen und doch so wirklichen Gestalten heißen? Das ist wahre Dichtung, und E. T. A. Hoffmann gefällt mir vor allem um seiner Fantastik – sagen wir besser: Metaphysik – willen. –
Vielleicht kannst Du nun dem ganzen „Geisterspuk“ im „Faust“ etwas mehr Sinn abgewinnen als nur den eines bühnentechnischen Effekts. Was die Walpurgisnacht, die Hexenküche und andere Stelle betrifft, so
mußt Du ferner bedenken, daß hier uraltes Volksgut verarbeitet ist. Das Thema „Faust“ ist mittelalterlich, und schon lange vor Goethe beschäftigte es die Großen in Malerei und Dichtung. (So gibt es von Rembrandt eine Radierung, die Faust in der Studierstube zeigt.)
Darüber, was der „faustische Mensch“ ist, sprechen wir später einmal. Deine Auffassung enthält Richtiges.
Lieber! Ich genieße eine glückliche Stunde in einem holländischen Städtchen, sitze im Soldatenheim im Klubsessel und höre klassische Musik. Morgen fahre ich wieder nach Brügge über die belgische Grenze zurück. Ich war heute bereits den ganzen Tag dort und bin durch die ganze, märchenhaft schöne Stadt gelaufen. Das alles, was ich da sah, diese flämischen Menschen, die Beginchen und Pastetenbäcker, diese herrlichen Bauten – das kenne ich schon von Timmermans her. Aber welch ein Gefühl, dies nun alles als Wirklichkeit zu sehen, lebendige Gemälde, von Sonne überflutet! Ich wollte, Du hättest bei mir sein können, dies alles mit mir anzusehen und meine Freude zu teilen! O, ich könnte Dir
soviel von diesen Schönheiten erzählen, von denen das Auge nicht genug trinken kann! Und morgen bin ich wieder in dieser liebenswürdigen, ruhigen Stadt, in der alles so heimatlich, so deutsch anmutet, so ganz anders als die französischen Städte. Wenn ich mit den Leuten sprechen will, brauche ich nicht mehr mühsam mein Gedächtnis nach vergessenen französ. Vokabeln zu durchsuchen, nein, man spricht flämisch hier und versteht allgemein deutsch.
- Am Abend des 11.XII.