Gisbert Kranz an seine Familie, 13. Dezember 1943
13.XII.43.
Meine Lieben!
Meine Versetzung kam noch schneller als ich dachte. Seit vier Tagen bin ich schon unterwegs zu meinem neuen Truppenteil, einer Infanteriedivision, die in Westflandern liegt. Meine alte Division wird bereits zum Osten verladen, und da ich nicht einsatzfähig für Rußland bin, habe ich mich wieder von meiner Einheit trennen müssen. Nun habe ich endgültig den Bereich verlassen, in dem ich immer wieder mit alten Kriegskameraden zusammentraf, und trete in völlig neue Verhältnisse. Günstig wirkt sich dieser letzte Wechsel insoweit für mich aus, als ich wieder zur Infanterie stoße, ungünstig insoweit, als mein neuer Truppenteil nicht motorisiert ist. Bei diesem letzten Umstand erwäge ich besonders, ob ich mit meinen empfindlichen Füßen wohl Offizier bei einer Fußtruppe werden könne. Vielleicht werde ich auch bei diesem Haufen nicht bleiben und Antrag stellen, mich zu einer mot. Truppe zu versetzen.
Sehr bitter ist es für mich, daß ich durch dieses Vagabundenleben nun meine ganze Weihnachtspost nicht zeitig erhalte. Von Euren Weihnachtspaketen hat mich noch keins erreicht, und das Postgelt habe ich auch noch nicht bekommen. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß meine alte Kompanie bereits rollt, noch ehe meine neue Fpnr. dort bekannt ist. In diesem Falle würde meine ganze Post erst nach Rußland gehen, wodurch eine große Verzögerung entstehen würde. Es ist mir ja vor zwei Jahren bereits so gegangen, daß ich die Weihnachtspost erst im nächsten Jahre zu Ostern erhielt. Wenn ich bedenke, daß ich in den letzten vier Wochen mindestens 50 Briefe geschrieben habe, so tut es mir leid um die Antwortschreiben, die mich nun bei allen möglichen Truppenteilen suchen nur nicht hier.
Ich schickte Euch vor einer Woche ein Päckchen mit Schokolade u. a. Ich hoffe, es wird inzwischen in Eure Hände gekommen sein. Ursprünglich hatte ich vor, es Herrn Donnerstag, der OGefr. in meiner Kompanie ist und nach Steele in Urlaub fahren wollte, mitzugeben. Doch ist aus dem Urlaub nichts mehr geworden, sodaß ich das Päckchen zur Post gab. –
Freitag abend langte ich in Brügge an. Mein Anschlußzug, der mich ins Holländische bringen sollte, fuhr erst am folgenden Nachmittag um 16.30 Uhr, sodaß ich einen ganzen Tag zur Verfügung hatte, mir diese einzigartige Stadt anzusehen. Zum Besuch der Museen blieb freilich keine Zeit mehr, doch wird man die kostbaren Gemälde der Jan van Eyck, Memling und Brueghel in Sicherheit gebracht haben, sodaß sie ohnehin unzugänglich sind. Ich bin aber durch alle Teile der Stadt gelaufen, und es war mir eine Freude, die Welt der Tim
mermans und Strenods als lebendige Wirklichkeit zu sehen und zu erleben. Menschen und Häuser – alles mutet mich heimatlich an, und ihre ganze Art hat nicht das Befremdende, das die großen französischen Städte bei aller Pracht uns doch geistig ferne rückt. Auch brauche ich nicht mehr verschüttete Vokabeln aus meinem Gedächtnis mühsam heraufzuholen, da man hier flämisch spricht und unsere deutsche Sprache allgemein versteht. Nichtsdestoweniger habe ich mir in einer Frontbuchhandlung ein französ.-deutsches Lexikon gekauft, das mir bei der Lektüre von Pascals Pensées helfen soll. Ich erstand dieses unsterbliche Werk, in dem sich der französische wie der christliche Geist in einzigartiger Weise manifestiert, im Urtext, nachdem ich die deutsche Übersetzung schon seit langem kenne. Auch zwei Bücher von Ernst Jünger bekam ich in Brügge, wo die Frontbuchhandlung noch Schätze feilbot, nach denen man in Deutschland vergeblich sucht. –
Am Samstagabend melde ich mich bei meiner neuen Division, die im westlichsten Teil der Niederlande liegt. Ich wurde einem Infanterieregiment zugeteilt, das in der Gegend um Brügge liegt. Am Abend ausgezeichnetes Essen im Soldatenheim, wie überhaupt auf der ganzen Reise beste Verpflegung. Seit Sonntag morgen wieder in Brügge, wo ich (Montag) diese Zeilen schreibe. Diesmal hatte ich keine Zeit, mir die Stadt anzusehen, dafür viel Ärger und zeitraubende Verhandlungen mit Beamten wegen Geldwechsel und Verpflegung.
Zu allem Überfluß mußte ich auch noch entlaust werden, obwohl ich frei von Ungeziefer bin. Es ist aber Befehl, daß alle Soldaten, die aus Frankreich kommen, entseucht werden. Da die Entlausung erst Montag stattfinden konnte, mußte ich Sonntag in der Kaserne bleiben und kam so um den Genuß, den Abend in der Stadt angenehm zu verbringen. –
Liebe Mutter!
In zehn Tagen vollendest Du Dein 50. Lebensjahr. Ich hoffe, daß meine Glückwünsche zu diesem Tage Dich noch rechtzeitig erreichen. Für eine Frau ist es wohl immer etwas wehmütig, wenn sie in ein neues Jahrzehnt ihres Lebens tritt. Du aber, liebe Mutter, sollst wissen, daß Du Deine Jahre vierfach gelebt hast, indem Du vier Söhne geboren und großgezogen hast. Du hast von Deinem Leben uns mitgeteilt, uns vier Jungen, die Du alle mit Deiner Liebe umfingst. So hast Du Dein Leben wohl nicht verlängert und nicht verbreitert, aber Du hast es vertieft, vierfach vertieft, indem Du viermal in Deinen Söhnen fortlebst. Sie stehen heute um Dich, alle im Rock des Soldaten, und sie sind stolz darauf, eine solche Mutter zu haben. Sie geloben sich, so zu leben, daß auch Du stolz auf sie sein darfst.
Liebe Mutter! Wo das Herz spricht, müssen Worte verstummen. Du weißt, was ich heute fühle. Laß mich Dir nur noch sagen, wie lieb ich Dich habe, und wie dankbar ich Dir bin für alles. Und laß Dir noch
viele glückliche und gesunde Jahre wünschen. Möge Dich Gott uns noch lange erhalten!
Als äußeres Zeichen meiner Verehrung schicke ich Dir mit der nächsten Gelegenheit ein Taschentuch mit handgeklöppelten Spitzen, das ich bei meinem Aufenthalt in Brügge für Dich erstanden habe. Es ist nur gering, gerne hätte ich Dir etwas Schöneres gekauft, doch hatte ich nur wenig Geld in belgischer Währung, und diese kostbaren Handarbeiten, durch die Brügge Weltruf hat, sind sehr teuer. –
13.XII. nachm.
Die Kompanie, der ich zugeteilt bin, liegt direkt an der Küste. Da ich ein Versetzungsgesuch einreichen will aus den oben angedeuteten Gründen, empfiehlt es sich nicht, daß Ihr mir an meine neue Fpnr. Briefe oder Päckchen schickt. Ich bitte Euch deshalb, meine endgültige Anschrift abzuwarten.
Mit gleicher Post schicke ich einen Brief an Karlheinz ab, der mich bat, ihm nach dem 10.XII. nach Steele zu schreiben. Schickt ihm den Brief bitte nach, falls er noch nicht daheim ist bzw. bald nach Hause kommt.
In der Hoffnung, daß ich bald wieder Verbindung mit Euch habe, grüßt Euch herzlich
Euer
Gisbert
08787 B