Gisbert Kranz an seine Familie, 23. Dezember 1943
23.XII.43.
Meine Lieben daheim!
Für mich liegen die Weihnachtsfeierlichkeiten bereits in der Vergangenheit. Die Kompanie beging gestern nachmittag schon die Feier des Festes; da die Abwehrbereitschaft sichergestellt bleiben muß, müssen die Kompanien nacheinander den Lichterbaum anzünden. Während unsere Einheit froh beisammensaß, stellte eine Nachbarkompanie für uns die Posten.
Wir nahmen an langen, gedeckten Tischen Platz, im Festraum unseres Stützpunktes, der soeben fertiggestellt war und bei dieser Gelegenheit eingeweiht wurde. Jedem war ein reiches Maß an Backwerk, Obst, Nüssen und Süßigkeiten zugeteilt, darüber hinaus Zigaretten in Fülle und kleine, besondere Geschenke. So erhielt ich ein feines Buch und eine Mappe Briefpapier. Den ersten, besinnlichen Teil des Programms rahmte ein Chor mit Gesängen ein. Ich freute mich, das uralte kölnische Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ zu hören, das rührend falsch und ungeschlacht von Soldaten vierstimmig gesunden wurde. Auch kamen Schwestern vom Roten Kreuz, niedlich als Engel verkleidet, und trugen zur Gestaltung der Feier in dankenswerter Weise bei. Der Regimentskommandeur, der anwesend war, hielt eine endlos lange Rede, die mir wieder einmal drastisch zeigte, wie gefährlich es doch ist, die alten christlichen Symbole der Weihnacht mit politischen Ideen zu verquicken. Entsprechend unerfreulich war auch danach der Eindruck bei den Männern. Solche fragwürdigen Experimente sollte man
doch besser den Schlagwortdreschern unserer Presse überlassen. –
Heute morgen war die Feier des hl. Meßopfers in der Kantine unseres Stützpunktes, in demselben Raum, wo ich eine Woche vorher noch einer Orgie zusah. In bethlehemitischer Armut wurden die hohen Geheimnisse zelebriert. Doch wie glücklich war ich, nach zwei Monaten zum erstenmal wieder die Sakramente empfangen zu können!
Gleich anschließend an den Gottesdienst fuhr ich mit neun Mann nach B., wo wir bei der 2. Kompanie, die heute Weihnachten antezipierte, die Wachen übernahmen. Von den Dünen aus sah ich hier zum erstenmal das Meer in ganzer Breite. Unserem Standort nämlich ist die freie Sicht über die See durch die vorgelagerte Mole von Z. zum größten Teil genommen. Es war ein herrlicher Blick: Die Kimm verschwand unmerklich in nebligen Wolken, und das Meer, seinen Horizont also verbergend, schien hervorzubrechen aus dem Himmel und steigerte so den Eindruck seiner Unendlichkeit. Auch läßt das Auf und Ab der Gezeiten, welches die Ostsee nicht kennt, die Nähe des Ozeans ahnen.
Am Abend zurückgekehrt, fand ich – freudig überrascht – Briefe von Rektor Dresen und Prälat Kiel. Ich denke, daß ich morgen oder übermorgen auch von Euch Nachrichten habe und bin schon recht gespannt darauf. Morgen schicke ich ein Päckchen ab mit einem Viertelpfund Bohnenkaffee für die Feiertage oder – wenn ihr wollt – spart es Euch auf für das Frühstück nach Bombennächten als Stärkung. – Ich bin zufrieden und glücklich, da mir nichts fehlt, außer Eurer lieben Gegenwart.
Mit herzlichen Grüßen
Euer Gisbert