Gisbert Kranz an seine Familie, 27. Dezember 1943
27.XII.43.
Meine Lieben!
Heute abend erhielt ich zu meiner großen Freude Mutters lieben Brief vom 20.XII. Ich danke herzlich dafür. Auch das Briefpapier erhielt ich und den Kalender. Mit diesem hast Du, liebe Mutter, einen Wunsch erraten, den zu äußern ich ganz vergessen hatte. Besten Dank!
Weihnachten verlief für mich recht einsam. Von meiner Bunkerbesatzung war einer in Urlaub und mit den drei anderen ist eine Unterhaltung schlecht möglich: mein Kasimir spricht Polnisch, und Deutsch nur so gut wie ich Russisch kann. Der Berliner ist sehr schwerhörig und der Lübecker mir unsympathisch. Ich habe die Tage mit Lesen und Schreiben verbracht. Meine Abhandlung ist bald fertig. Ich habe ihr den Titel gegeben: Geist und Blut, Versuch einer philosophischen Begründung christlicher Weltanschauung. Ich halte diese Arbeit entschieden für das beste, was ich bisher geschrieben habe. Vor allem um die Genauigkeit der begrifflichen Formulierung und um die Schönheit des sprachlichen Stils habe ich mich sehr bemüht. Ich mußte dabei zuweilen mich vor der Gefahr hüten, um der dichterischen Schönheit die präzise Formulierung aufzugeben. So kam es, daß ich oft eine volle Stunde daran arbeitete, einen einzigen Satz nach den Gesetzen des Gleichgewichtes und des Wohllautes zu bilden, um ihn zwei Tage später wieder zu verwerfen. Das Ganze wird einen Umfang von etwa
30 Seiten haben. Ich hoffe, in einer Woche die Reinschrift beendet zu haben, um Euch das Manuskript zuschicken zu können. An eine Veröffentlichung denke ich nicht. Vielleicht komme ich in späteren Jahren einmal dazu, den Stoff, den ich hier sehr verdichtet und zusammengedrängt formulierte, in erweiterter Form auszuarbeiten und zu publizieren. –
Heute nachmittag sah ich einen russischen Beutefilm. Die Kriegsfakultät des Lenin-Institutes in Moskau zeigte Nahkampfausbildung mit dem Schwerpunkt auf Bajonettfechten. Der Film währte ohne die Unterbrechungen fast 1 ½ Stunde und war hochinteressant. Die exerziermäßige Ausbildung geschah äußerst präzise und exakt, wie man es in solcher Form nicht einmal beim preußischen Militär zu sehen bekommt. Doch hatte man entschieden den Eindruck von Marionetten, so starr, so maschinenmäßig ging alles. Ich hoffe, daß der deutsche Geist und die deutsche Seele dieser ganze russischen Kriegsmaschine schließlich doch überlegen ist. Oder sollte der technische und mechanische, entseelte Mensch über die Gewalt des Geistes triumphieren? Das wäre das Ende der Menschheit.
Für heute viele herzl. Grüße
Euer Gisbert