Gisbert Kranz: Notizen 29. Dezember 1943 – 1. Januar 1944
29.XII.43.
Heute nachmittag in B. (Blankenberghe), einem der großen Seebäder an der flandrischen Küste. Die Stadt ist fast so groß wie Steele und hat breite Straßen mit hohen Häusern, die aber eine beispiellose Stilverworrenheit zeigen. Ihnen allen gemeinsam ist aber die große Anzahl von Balkonen, die oft in ganzer Fassadenbreite vorkragen[=?]. Früher scheinen hier zahlreiche Juden ihre Sommerfrische zugebracht zu haben, wie die hebräischen Inschriften auf einigen Hotels vermuten lassen. – Spaziergang durch die Stadt, dabei Kauf von Büchern und Gebrauchsgegenständen. Nachher in dem gemütlichen Soldatenheim. In den Straßen überall Drahtsperren und Minen. Heute morgen bei einer Übung trat ein Mann meiner Kompanie auf eine Mine und wurde schwerverletzt.
30.XII.
Heute dienstlich in Lissewege, einem malerischen und trotzdem blitzsauberem Dorfe (häufig ist es umgekehrt: Sehr malerische Winkel sind auch sehr dreckig). Ich wußte, daß dort eine schöne Kirche ist, eines der monumentalsten Denkmäler der flämischen Backsteingotik (Scheldegotik), und ich nahm mir eine Stunde, das Bauwerk zu sehen. Als ich vor dem mächtigen Turm stand, dachte ich plötzlich: Danzig! In der Tat, eine größere Ähnlichkeit findet man selten, als zwischen den Türmen der Danziger St. Marienkirche und der Kirche von Lissewege. Die gleiche Schlichtheit und Herbheit der Formen, die gleiche Anordnung der Eckpfeiler, der Lisenen und Fenster, die gleiche Monumen-
talität, kurz: der gleiche Stil und das gleiche Material. Im Innern sparsamer Schmuck, feine Raumaufteilung und Gliederung der Wandflächen, alles sparsam, herb und doch oder gerade deshalb so schön und eindrucksvoll. Das Ganze gleicht sehr der Kathedrale von Mecheln, die mir zwar nur aus Bildern bekannt ist. Vor allem der Turm, wenn man ihn von weitem in der Landschaft ragen sieht, erinnert an Mecheln. Doch fehlen eben in Lissewege die üppigen gotischen Formen, die Fialen und das feingliedrige Maßwerk. Das Verhältnis der Kirche in Lissewege zu der Kathedrale von Mecheln gleicht dem des Altenberger Münsters zum Kölner Dom. Der aszetisch strenge Stil der Mönche in Lissewege und in Altenberg auf der einen, die vielfältige Fülle der Formen in Mecheln und Köln auf der anderen Seite. Beides zwei Ausdrucksweisen gotischen Empfindens. Was die äußeren Größenmaße betrifft, so ist der Turm von Lissewege wohl kaum kleiner als der in Mecheln. Man muß sich immer wieder wundern, daß im Mittelalter kleine Gemeinden solch riesenhafte Gotteshäuser bauten, deren Größe in keinem Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl steht. So hatte Xanten im Mittelalter nur wenige Tausend Einwohner, der Viktorsdom faßt aber 20.000 Menschen. Ähnlich ist das Verhältnis in Lissewege. In diesen übergroßen Bauten sah das mittelalterliche Volk eben mehr als bloß Zweckbauten, Versammlungsräume. Es war der steingewordene Ausdruck einer machtvollen, lebendigen Weltanschauung. Ebenso lassen sich die zahlreichen Belfriede, die hier in Flandern zu finden sind, aus Zweckmäßigkeitsgründen nicht erklären. Sie waren eben nur Zeichen der Machthoheit, des Reichtums und des Kunstsinns einer
stolzen Stadt. – Noch etwas zur Ähnlichkeit der Türme in Lissewege u. Danzig. Sie ist nicht zufällig. Beide stammen aus der gleichen Zeit, dem 13. Jahrh. Die ostdeutsche Kultur hängt eng mit der flämisch-niederländischen zusammen. Die Städte an der Ostseeküste zeigen das gleiche Bild wie die holländischen und flandrischen Städte. Als ich nächtlichen Bummel durch die mondhellen Straßen Brügges machte, wie ich so manche Sommernacht durch Danzig wandelte, da wurde mir die innige Verwandtschaft dieser beiden Städte deutlich. Dieser Eindruck verstärkte sich, als ich Brügge bei Tage sah: Die Giebelreihen der Straßenfronten, die zahlreichen Türme, die Hafenanlagen, der frische Wind des nahen Meeres. ja sogar die behäbige Ruhe und Gemütlichkeit der Bürgerschaft – dies alles empfand ich in Brügge genau so wie in Danzig. Auch die klingenden Glockenspiele, die halbstündlich ihre wunderschönen Weisen und Klänge aus der Höhe auf die Dächer der Stadt herabschweben lassen, erfreuten mich in Brügge geradesosehr wie in Danzig. Aber hier, nicht im Osten, ist das Ursprungsland der Backsteingotik. Ich bin über die geschichtlichen Bewegungen noch nicht orientiert, nehme aber an, daß Flandern und die Niederlande ihre Kultur u. ihren Stil zum Osten getragen haben. Die wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Beziehungen durch die Hanse, die ja alle Küstenstädte der Nordsee wie der Ostsee verband, scheinen diesen kulturellen Einfluß gefördert zu haben. Nicht zufällig steht im Chor von St. Marien – Danzig das „Jüngste Gericht“ des Flamen Memling und im Turm derselben Kirche die kunstvolle Schmiedearbeit eines flämischen Meisters: das Gitter des Taufbrunnens.
Morgen fahre ich nach Brüssel. Ich will sehen, ob ich dort Literatur über flämische Baukunst u. ihre Beziehungen zum Ostseeraum erhalten kann, um das, was ich durch unmittelbare Anschauung erfahren habe, nun auch wissenschaftlich zu ordnen.
31.XII.
Fahrt durch das verschneite Flandern und Brabant. Sonnenaufgang über den weißen Dächern von Gent. 10 Uhr Ankunft in Brüssel, la capitale du royaume Belgique. – Der Arzt wunderte sich, daß ich mit meinen miserablen Füßen drei Jahre bei der Infanterie gedient habe und verschrieb mir nach Maß angefertigte Einlagen. – Mittagessen in einem Restaurant. Der Kellner bediente mich mit einer Höflichkeit und Zuvorkommenheit, wie ich sie in Deutschland seit Jahren nicht mehr erlebte. Das Essen war ausgezeichnet. Überhaupt speist man in Belgien noch wie im Frieden, sogar ohne Marken. Allerdings sind die Preise entsprechend. Kürzlich klagte die Deutsche „Brüsseler Zeitung“ darüber, daß in den belgischen Restaurants ohne Marken größere Portionen verabreicht würden als gegen Abgabe von „Tikets“. – Nachdem ich bei einer orthopädischen Firma Maß nehmen gelassen hatte, machte ich einen Bummel durch Brüssel. Die Stadt hat breite Avenuen mit lebhaftem Verkehr, der mir am dichtesten vor der Börse schien. Der Gesamteindruck ist wie der bei den meisten europäischen Großstädten sehr verworren. Was Brüssel betrifft, so wird der Eindruck der Zwiespältigkeit vor allem durch das Nebeneinander von wallonischer und flämischer Kultur, durch den Zusammen-
stoß des französischen und des deutschen Geistes verursacht. Äußerlich sieht man das schon an den Beschriftungen, die alle zweisprachig gehalten sind. Man kann dabei – da der flämische Text immer neben dem Französischen steht – sogar vergleichende Sprachwissenschaft im Kleinen treiben. So fiel mir in der Straßenbahn folgender Hinweis auf: „Werpt uwe Reisebriefjes niet up Straat!“ was soviel heißen soll wie: Werft beim Aussteigen nicht die Fahrscheine auf die Straße! – Da die Stadt teils auf Hügeln, teils im Tale breit hingelagert ist, eröffnen sich dem Betrachter oft überraschende Durchblicke. – Der Justizpalast: ein zyklopenhafter Bau, imposanter Triumph der Stillosigkeit. – Die schönsten Gebäude, die ich sah, fand ich um die Place grande gruppiert: Das gotische Rathaus, das mich stark an das (nun leider zerstörte) in Aachen erinnerte, der schlanke Belfried, das spätgotische „Brothaus“ und eine Anzahl prächtiger Bürgerhäuser im Renaissancestil. Diese Gebäude geben in ihrer Anordnung um den Platz einen großartigen Eindruck von seltener Geschlossenheit. – Da ich nocheinmal nach Brüssel fahren muß, nur die fertigen Einlagen abzuholen, werde ich wohl Gelegenheit haben, die Stadt eingehender zu besichtigen. –
Ich machte auch einige Einkäufe. Es bereitet mir immer Spaß, wenn ich Geld ausgeben kann. Ich halte die Pfennige nie lange im Portemonnaie. Jetzt aber will ich doch sparen, da ich mir ein Paar Zugstiefel nach Maß arbeiten lassen will, damit ich später als Offizier nicht in Knobelbechern oder Wickelgamaschen herumlaufen muß. Denn in Deutschland ist keine Aussicht, noch Stiefel zu bekommen. Hier gibts noch so etwas, kostet bloß 2000 Frs. (= 160 RM)
1.I.1944.
Deutsche Jugend!
Denkt Ihr, Freunde, noch der Zeiten,
Da wir auf den Burgen hausten
Und, bereit zu kühnen Streiten,
Jung und stolz ins Leben brausten?
Wie wir einst auf vielen Straßen
Frohe Fahrtenlieder sangen?
Wie wir nachts vor Zelten saßen
Und die Klampfen leise klangen?
Ach, verloschen sind die Feuer,
Unsre Lieder sind verstummt.
Wir verloren, was uns teuer,
Und versprengt ist unser Bund.
Unsre jungen, heißen Herzen
Schlagen wild in harten Kämpfen,
Und wir lernen unter Schmerzen
Unsrer Jugend Rausch zu dämpfen.
Nicht mehr sind wir unbekümmert,
Wenn wir an den Gräbern stehn
Und die Heimat wüst zertrümmert
Nach den Schlachten wiedersehn.
Kameraden! Nicht erkalten
Laßt dann Eurer Herzen Glut,
Denn die Zukunft zu gestalten,
Braucht ihr euren heißen Mut.
Jenen forschen Mut der Jugend,
Dessen ungestüme Kraft,
Nun gestählt zu starker Tugend,
Aus Ruinen Neues schafft.
Haltet Treu den hohen Zielen,
Wie ihr einst im Bund geschworen!
Nicht umsonst dann Brüder fielen,
Und das Reich ist nicht verloren.
[Rest gestrichen]
Gisbert Kranz