Gisbert Kranz an seine Eltern, 30. Dezember 1943

30.XII.43.

Liebe Eltern!

Ein Jahr geht zur Neige. Es wird in unserer Erinnerung bleiben als das härteste und schicksalsschwerste Jahr in der Geschichte unseres Volkes und als das ereignisreichste Jahr in der Geschichte unserer Familie. Für mich selbst war es wohl das abenteuerlichste Jahr meines Lebens. Ich ziehe Bilanz: Die ersten drei Monate sahen mich in Bonn. Es waren wechselvolle Tage für mich, die schönsten und die erschütterndsten Erlebnisse wechselten oft rascher als die Gezeiten des Meeres. Dann Urlaub in Steele, Fahrt nach Rheindahlen ins Paradies meiner Kindheit und Rückkehr nach Langfuhr. Es folgten sonnige Wochen im Kreise liebenswürdiger Kameraden, manch fröhliche Tafelrunde und auch manche Dummheit. Im Sommer das Idyll in Preußisch-Holland, dann wieder drei Monate in Danzig, Badefreuden in Zoppot und Glettkau, später Spaziergänge durch den herbstlichen Forst Oliva. Zwischendurch noch einmal Urlaub, dann Fahrten kreuz und quer durch Frankreich und Belgien. Das war der äußere Rahmen, den ich mit meinem Leben zu füllen suchte. Ich darf manchen Gewinn verzeichnen, geistige und seelische Aktiva verbuchen. Ich schloß meine Dostojewski-Arbeit ab und produzierte im Laufe des Jahres noch einige kleinere Arbeiten, deren letzte, „Geist und Blut“, Euch mit diesem Briefe zugeht. Auch konnte ich in diesem Jahre neben viel anderer Lektüre wieder meiner Gewohnheit nachgehen, das ganze Werk eines Autors zu studieren, indem ich fast alle Bücher von Ernst Jünger las. Schließlich liegen in diesem Jahre die Anfänge ernsteren lyrischen Schaffens, mit denen ich – wie Hans Carossa mir versicherte – auf dem rechten Wege bin. Es war

mir auch möglich, verhältnismäßig häufig Konzerte und Schauspiele zu besuchen. So konnte ich mich trotz des Krieges und trotz meines Dienstes noch weiterbilden und sogar selbst produktiv sein. Am wichtigsten scheint mir zu sein, daß ich im vergangenen Jahre die Bekanntschaft einer großen Zahl von Menschen machte, daß ich auch einige neue Freunde gewann, und schließlich, daß ich neue Städte und Länder kennenlernte. Ich bin dankbar, daß ich auch in diesem Jahre viel Schönes erleben durfte, ohne es verdient zu haben. Einige meiner Wünsche haben sich zwar nicht erfüllt, auch bin ich nicht an die Front gekommen, doch ahne ich, daß die Vorsehung mich den rechten Weg führte. Ein zweiter Rußlandfeldzug blieb mir gottseidank erspart, doch hoffe ich, daß ich im nächsten Jahr Gelegenheit habe, mich an anderen Fronten zu bewähren. – Die große Entscheidung meines Lebens ist noch nicht gefällt. Zwischen Zweifel und Hoffnung hin- und hergejagt, habe ich einen endgültigen Entschluß noch nicht gefaßt. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Vielleicht fordert das neue Jahr mich zur Entscheidung heraus. Ich vertraue mich in allem Gottes Führung an. –

Und Ihr, meine lieben Eltern, lebt noch. Das ist die Hauptsache. Wohl war uns oft das Herz voll Kummer und Bangen; die ernste Krankheit Vaters, die vierfache Verwundung von Karlheinz, der Unfall Fritzens – dies alles erfüllte uns mit Sorge. Aber keiner wurde uns genommen. Müssen wir angesichts des Schicksals so vieler anderer Familien nicht dankbar sein, daß alles so gut gelaufen ist? Auch unser Haus überstand die schweren Angriffe, und nichts haben wir verloren. Beten und vertrauen wir, daß uns die Vorsehung auch im kommenden Jahre schütze. Ich wünsche Euch, meinen lieben Eltern, herzlich, daß

Ihr gesund bleibt und unser Anwesen unversehrt durch den Krieg hindurchbringt. –

Von den unsäglichen Leiden, denen unser Volk im letzten Jahre ausgeliefert war, haben wir nur wenig zu tragen gehabt. Und doch geht uns das Schicksal unserer westdeutschen Städte, vor allem Essens, sehr nahe; und ich glaube, daß Ihr denselben Schmerz littet, wie ich, als die Nachricht vom Untergang der Sechsten Armee, vom Untergang auch meines ruhmreichen Regiments kam. Ihr werdet wie ich mit Schmerzen die Preisgabe vieler Städte und Flüsse verfolgt haben, die Aufgabe der Erde, die durch die Gräber tausender Deutscher Soldaten geweiht ist. Ihr werdet wie ich in Sorgen den Verlust Afrikas und Siziliens, die italienischen Ereignisse und die Abenteuer Mussolinis betrachtet haben. Und in Sorgen sehen wir der weiteren Entwicklung dieses ungeheueren Krieges entgegen, der im vergangenen Jahre fast apokalyptische Ausmaße angenommen hat. Doch wollen wir der Sorge auch Hoffnung und Zuversicht beifügen. Deutschland darf nicht untergehen, und die namenlosen Opfer, die unser Volk gerade im letzten Jahr bringen mußte, dürfen niemals umsonst gewesen sein.

Wir wollen unsere Herzen stark und fest machen, daß sie die kommenden Dinge überstehen. „Mag die Welt Kopf stehen, ein mutiges Herz hat seinen eigenen Schwerpunkt.“ (Ernst Jünger). Nicht gleichgültig, aber doch gelassen wollen wir im Wirbel dieser unruhigen Zeit stehen. Mit der Gelassenheit eines Christen, der sich in Gottes Vaterhand geborgen weiß, der glaubt, daß auch das verrückteste Geschehen nur scheinbar verrückt, in Wirklichkeit aber von Gottes Willen durchwaltet ist und einen inneren Sinn trägt.

Die besten Wünsche und herzliche Grüße!

Euer Gisbert

P.S.

Ich schicke Euch meine Arbeit „Geist und Blut“, die ich Karlheinz widme. Verwahrt sie ihm für den nächsten Urlaub, dann kann er sie lesen. Nicht nachschicken, da das Manuskript sonst verloren gehen könnte!
G.

Postscriptum:

50 Mark und „Das Reich“ mit Dank erhalten.
G.