Gisbert Kranz an seine Eltern, 31. Januar 1944
31.I.43.
Liebe Eltern!
Ich bin wieder versetzt worden. Diesmal aber nur innerhalb des Stützpunktes. Ich bin jetzt Kommandant einer Maschinengewehrkasematte mit sechs Mann Besatzung. Sie hat den Namen „Wasserburg“, weil sie unmittelbar am Fischereihafen von Z. angelegt ist. Sie bildet den äußersten linken Flügel der Kompanie und steht ziemlich isoliert. Es besteht nicht einmal eine fernmündliche Verbindung zum Gefechtsstand, sodaß ich im Ernstfall ganz auf mich selbst angewiesen bin.
Bei meinem Einzug fand ich ein unvorstellbares Durcheinander und große Unsauberkeit vor. Hier muß erst mal ausgemistet werden. Morgen bin ich den ganzen Tag als Schiedsrichter zu einer großen Übung im Nachbarabschnitt kommandiert. Aber übermorgen geht es los. –
Ich habe einen schlechten Tausch gemacht. In meinem alten Pak-Bunker fühlte ich mich wohler. Auch war ich dort gleich bei der Küche, Kantine und in der Nähe des Gefechtsstandes, während mich jetzt ein weiter Weg davon trennt. –
Unter meinen neuen Leuten, die alle älter sind als ich, ist ein Obergefreiter, der wie ich früher beim J.R. 120 war und in Rußland sich die Füße erfror. Er war in einer Gruppe mit Gey und Wölwer, die mit mir in Hamm und Rheine ausgebildet wurden und mir sehr nahe standen. Beide sind damals vor Charkow gefallen. –
2.II.
Heute trafen nach vielen Umwegen drei Päckchen ein: zwei von Tante Aloisia und eins von Tante Maria. Ich habe mich über diese verspäteten Weihnachtsgaben sehr gefreut. Tante Alox schickte feines Gebäck, Bonbons und Zigaretten, Tante Maria einen schönen Honigkuchen, Plätzchen, Fischkonserven, Briefpapier, Rasierklingen, Drops und auch andere Schnuppereien.
Seit einigen Tagen arbeite ich auf dem Gefechtsstand an Zeichnungen zu Zieltafeln für den Sechsschartenturm. Der Turm ist mit einer Optik ausgestattet, die sich wie beim U-Boot-Sehrohr ein- und ausfahren und nach allen Seiten drehen läßt, ohne daß der Beobachter seinen Stand zu ändern braucht. Die Sehschärfe ist außerordentlich und sehr weitreichend. Da es um den Turm herum von Hunderten von Arbeitern wimmelt, konnte ich mir das Vergnügen machen, einzelne Typen zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Das Fernrohr rückte mir auch entferntere Gesichter ganz nahe heran in einer Schärfe, die dem unbewaffneten Auge fehlt. Wie ich so dastand und heimlich die Gesichter studierte, kam ich mir vor wie ein Zauberer im Märchen, der mit magischer Kraft verborgenste und entfernteste Dinge sieht und dessen allblickendem Auge jedes Wesen unbarmherzig ausgeliefert ist. Dieses Gefühl kam dem einer geheimnisvollen Macht gleich. –
4.II.
Gestern abend hörte ich beim Essen, daß Briefe für mich angekommen seien, und da ich einen von Euch erwartete,
eilte ich voll froher Erwartung zu meiner Kasematte. Tatsächlich fand ich einen Brief von Mutters Hand vor, doch als ich ihn öffnete, schlug meine Freude jäh in Bestürzung und Traurigkeit u. Die Nachricht vom Zustande Ferdis erfüllte mich mit großer Angst; sie traf mich härter als wenn ich erfahren hätte, Ferdi sei gefallen. Denn das wäre weniger schrecklich als den Freund schon seit Wochen in Qualen zu wissen, von denen man nicht sagen kann, ob an ihrem Ende ein schmerzvoller Tod oder eine langsame Genesung steht. Ich mußte Euren Brief zehnmal lesen, ehe ich das Unglaubliche begriffen hatte: der sonnige, frische Ferdi liegt verwundet und schwerkrank in düsteren, dumpfen Qualen darnieder. Die furchtbarsten Gedanken verwirrten ob solcher Botschaft mein Gehirn, und ich mußte hinaus an die stürmische See, um meiner eigenen Seele Sturm zu glätten. Den letzten Brief erhielt ich von ihm datiert am 6.XII., er schrieb heiter und unbekümmert. Kurz darauf muß ihn die Kugel getroffen haben. –
Ich klammere mich mit aller Kraft an die Hoffnung, daß Gott dieses mir so teure Leben nicht auslöscht. Jetzt noch nicht.
Liebe Mutter, wenn Du Worte des Trostes und der Zuversicht hast, dann besuche doch Frau Frölich. Teile mir bitte sofort Ferdis Anschrift mit und den weiteren Verlauf seiner Krankheit, sobald neue Nachrichten eingetroffen sind.
4.II.
Ich schicke heute ein Päckchen ab mit einem Namenstagspräsentchen für Vater. –
Mit meiner Versetzung nach Italien will ich noch warten, da ich in diesem Monat, spätestens Anfang März Urlaub zu bekommen hoffe. Ich will unbedingt Karlheinz noch sehen. Sollte er bis dahin noch nicht aus dem Lazarett entlassen sein, nehme ich die eine Hälfte des Urlaubs nach Vaihingen. Ich wünsche dies letztere sogar mehr als ein Zusammentreffen zu Hause. So haben wir nämlich mehr von einander, und obendrein können wir zu zweit schöne Spaziergänge durch den schwäbischen Frühling machen.
Mit herzlichsten Grüßen
Euer Gisbert
Anbei zwei Paketmarken.
5.II.44. Mitternacht.
Seit einigen Tagen bläst hier ein starker Wind, der heute zu einem Sturme geworden ist, wie ich ihn selten erlebte. Ich komme gerade von meinem Streifendienst zurück: es verging mir fast Hören und Sehen dabei. Sandwolken fegen über das Gelände und stechen ins Gesicht wie mit tausend Nadeln. Ohne Schutzbrille kann man sich jetzt draußen nicht bewegen. Die heftigen Windstöße drücken einem die Beine fast vom Boden weg, und es fällt schwer, beim Gehen die Richtung zu halten. Vor dem Mond jagen Wolkenfetzen und lassen die Dünen rasch wechselnd mal beschatten und mal hell aufleuchten. Die See gleißt in ihrer Brandung wie Schnee, und der Gischt brechender Wellen spritzt über den Merdamm, sosehr, daß die Posten zurückgezogen werden mußten. Eine Nacht wie im ersten Akt des Hamlet. – Wenn ich einmal auf den verrückten Gedanken käme, mich zu erschießen, dann müßte es unbedingt in so einer solchen Nacht geschehen.
5.II. Nachdem der aufgewühlte Himmel uns noch einige Stöße Hagel und Schnee hinuntergeworfen hat, legte sich der Sturm. Von Ferdis Braut erhielt ich einen Brief, dessen Zuversicht auch mir Hoffnung gibt. –
6.II. Gestern hatte wir Kompaniefest mit Kuchen zum gemeinschaftlichen Nachmittagskaffee und Abendessen. Obwohl eine Künstlertruppe uns dabei ein erlesenes Programm zeigte und eine gute Unterhaltungskapelle spielte, vermißte ich eine echte Heiterkeit unter den Anwesenden. Ich habe mich fürchterlich gelangweilt. Überhaupt fehlt dieser Kom-
panie der Geist, der sie zusammenhält. Dieser Mangel hängt wohl damit zusammen, daß nur wenige Leute in der Kompanie sind, die schon lange in ihr dienen. Die meisten sind noch nicht lange hier und verschwinden nach kurzer Zeit wieder, sodaß ein ständiges Kommen und Gehen ist. Man sieht täglich neue Gesichter, und nur wenige Leute kenne ich mit Namen.
Übrigens haben wir öfters Varietévorstellungen. So vor einigen Tagen: Ausgezeichnete Tänze, Meisterleistungen der Choreografik, dann Arien aus Carmen u. a., eine Ballade von Lulu von Strauß u. Tornay und eine hübsche Erzählung von Paul Keller. Das Ganze war recht erfreulich und wies ein hohes geistiges Niveau auf. –
6.II. Ich plane, die Geschichte eines jungen Menschen zu schreiben, der voller hochgespannter Ideale ins Leben springt und den die Wirklichkeit, die er vorfindet, mächtig zaust. Denn ein weiter Abgrund klafft grausam zwischen ihr und den Ideen des Jünglings. Er gerät in den Strudel der Welt und in die sengende Glut des Schicksals. Angesichts vieler Verkommenheit und maßlosen Elends entschließt er sich zu kämpfen und die Welt zu bessern. Doch er verbrennt sich die Flügel und scheitert an seiner eigenen Unzulänglichkeit. Schaudernd sieht er auch in sich selbst einen finsteren Abgrund, und er wird irre an seiner Sendung und seinen Idealen. – Die Form des Ganzen denke ich mir in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, ähnlich wie „Werthers Leiden“ oder „Doktor Bürgers Tagebuch“. Doch endet mein Jüngling nicht in verzweifeltem Selbstmord, sondern indem er sein Leben einer Idee opfert, und zwar einer Idee, die ihn ebenfalls betrogen hat. –