Gisbert Kranz an seinen Bruder Karl-Heinz, 7. Februar 1944
7.II.44.
Lieber Esau!
Deine beiden Briefe vom 1. u. 2.II., die ich gestern erhielt, haben mir eine große Freude bereitet. Ich danke Dir recht herzlich dafür, vor allem für die Zigaretten und das Bändchen von Binding: ein sinnreiches Geschenk zum Geburtstag, mit dem Du meinen literarischen Geschmack getroffen und zugleich Zeugnis von Deiner eigenen Kennerschaft gegeben hast. – And die frohen Ereignisse unserer Jungenzeit denke ich zuweilen mit Wehmut zurück. Sie ist in ihrer Unbefangenheit und in ihrem sorglosen Glück unwiederruflich dahin. Doch ist es gut, in unserem Herzen immer noch einen kleinen Winkel zu sichern, in dem wir ganz Kind sein dürfen. „Wer nicht einmal ein vollkommenes Kind war, wird schwerlich ein vollkommener Mann“, sagt Hölderlin, und Langbehn meint, daß das Kindsein auch zum
Mannestum gehöre. Auf dem Wege von Kindheit zur Männlichkeit wechseln wir doch nur die Hüllen: im Kern bleiben wir die gleichen, und nur indem wir uns innerlich gleichbleiben, vermögen wir unser eigentliches Wesen bis zur Vollkommenheit zu verwirklichen. Und wenn wir die Klarheit und das unbefangene Wesen des Kindes verloren haben, müssen wir es wiedersuchen, sonst sind wir selbst verloren. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen“. Weil diese Wahrheiten, auf eine übernatürliche Ebene gehoben, im Mittelpunkt der Weihnachtsbotschaft des evangel. Feldbischofs stehen, gefällt sie mir besser als die des katholischen Feldbischofs. Der Protestant schreibt theologisch tiefgründiger und im Stil wärmer und überzeugender. Von der Gotteskindschaft sagt der Katholik nichts. Und doch ist das Gottmenschentum das zentrale Geheimnis des Weihnachtsfestes. Dieses Geheimnis: daß Gott Mensch geworden ist,
damit wir Menschen Götter werden, aus Gnade Anteil nehmen dürfen an seiner Gottheit. Denn im Göttlichen liegt unser innerstes Wesen gegründet, und das Göttliche in uns zu verwirklichen, das ist das Endziel unseres Wachsens, Reifens und Ringens. Das ist der Sinn der Lehre von der Gotteskindschaft, von dem in unserem Katechismus nichts steht. Wohl hat man uns im Religionsunterricht davon gesprochen, aber der Sinn von diesem Wort ging mir erst während meines Studiums auf. Das wir Menschen zur Göttlichkeit berufen sind, war die große Entdeckung meiner Bonner Zeit, und dieser beglückenden Erkenntnis verdankte ich größten Trost in furchtbarer Verlassenheit, aber auch größte Furcht und Angst. Später mehr davon. –
Nun warte ich auf Deinen Bescheid über Deinen Urlaub, damit ich weiß, wann ich mich für den meinigen rüsten kann. –
Was ich mit der „Frauenpsychologie“ meine, fragst
Du? Ich gebe Dir die Frage zurück, da das Wort nicht von mir stammt, sondern von Dir selbst. Du schriebst doch damals, Du vermeidetest den persönlichen Umgang mit jungen Frauen und beschränktest Dich einstweilen darauf, „Frauenpsychologie zu treiben“. Nun bitte ich Dich, mir zu sagen was Du damit meintest, ich weiß es jetzt nicht mehr. Es muß doch wohl etwas anderes sein, als ich zuerst vermutete. Die Herausforderung zum Ringkampf nehme ich an.
Deine Wünsche und Grüße herzlichst erwidernd bin ich „in alter Frische“
Dein Gisbert