Gisbert Kranz an seinen Bruder Karl-Heinz, 18. Februar 1944

Über Deinen Brief, lieber Karlheinz, habe ich mich ganz besonders gefreut. Von Eurer Dorfplanung habe ich mit Schmunzeln vernommen. Da, wie ich sehe, die Zeitung noch nicht berücksichtigt ist, die Einwohner aber ohne diese nun einmal nicht leben können (von wegen „Herrn Hase“ und so ...), bin ich gerne bereit, den Posten eines Redakteurs vom Lokalblättchen zu übernehmen. Ich bitte mir dazu aber noch eine Sekretärin aus, die außer perfekten Kenntnissen im Maschinenschreiben und Steno auch noch einige andere liebenswerte Eigenschaften besitzen muß, vor allem ein sehr sanftmütiges Wesen und ungeheuer dicke Nerven ihr Eigen nennen soll ... (Als ich damals in Bonn an meinem Manuskript arbeitete, was bei dem koinobitischen Leben im Kasten nicht verborgen bleiben konnte, versprach man mir bei einem geselligen Abend offiziell gleich ein halbes Dutzend solcher Stenotypistinnen, auf die dann allerdings vergeblich gewartet habe.) Überdies vermisse ich noch das ehrbare Handwerk in Eurem utopischen Gemeinwesen. Oder wollt ihr ohne Schreiner, Schlosser, Schmied, Frisör, Bäcker und Metzger auskommen? Und – wer soll Ortsgruppenführer sein, wer bekleidet die Posten der politischen Leiter? –

Du hast Dich meiner Bibliothek mit gutem Geschmack bedient. E. T. A. Hoffmann, einer meiner liebsten Dichter, ist Königsberger, und in seiner für einen Ostpreußen ungewöhnlich lebhaften Fantasie der Gegenpol seines Landsmannes, des trockenen und nüchternen Kant. Er war ein Allerweltskünstler, ein Genie von

erstaunlicher Kraft und Vielseitigkeit: Maler, Musiker, war Kapellmeister am Fürstl. Hof zu Bamberg, komponierte die Oper „Udine“, Dichter, Kammergerichtsrat und ein Weltmann mit ebenso edlen wie liebenswürdigen Manieren. Die Geschichte seines Lebens (seine Biografie von Bergengruen befindet sich unter meinen Büchern) liest sich wie ein Roman. Ich empfehle Dir zur Lektüre seine meisterhaften Erzählungen, u. a. „Meister Martin der Küfer“, „Der goldene Topf“, „Der Artushof“, „Das Majorat“, „Das Fräulein von Scuderi“ u. a. Du wirst Deine helle Freude daran haben. Sie sind zu finden in jeder guten Leihbibliothek, auch z. T. noch käuflich zu erwerben aus Reclams Universal-Bücherei.

Wie stehts mit dem Nachurlaub? Ich halte Dir beide Daumen! –

Gestern gab ich ein Paket mit Büchern zur Post. Das oberste Buch heiteren Inhalts schenke ich Mutter zum Namenstag.

Fritz schreibe ich an seine neue Fpnr.

Euch allen viele frohe Grüße!

Euer Gisbert