Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 22. Februar 1944

22.II.44.

Liebe Mutter!

Nun hat die „Kuchenfrage“, die ich schon gelöst glaubte, doch noch eine für mich überraschende Wendung genommen: Sonntag bekam ich nämlich endlich den Kuchen mit Zuckerguß, den Du am 5. Jan. abschicktest. Ich fasse mein Urteil und meine Komplimente in die Klassischen Worte Onkel Alfons’ zusammen: „Der Kuchen war ein Gedicht!“ Zur Verpackung noch folgender Hinweis: Es empfiehlt sich den Kuchen erst völlig kalt werden zu lassen, bevor man ihn verpackt, um so zu verhindern, daß der Zuckerüberzug am Pergamentpapier kleben bleibt. – Ich freue mich, daß Du auch Ferdi einen Kuchen backen willst.

Du fragst, ob ich nicht mal Kaffee besorgen könne. Dies ist vorläufig nicht möglich. Nach Kakao, Rosinen und Korinthen habe ich damals schon gefragt, konnte aber nichts von alledem bekommen. Nach den Gewürzen will ich bei der nächsten Gelegenheit suchen. Du sprichst von Wucherpreisen. So teuer ist alles hier, und die Mandeln und Nüsse, die ich Dir kaufte, waren auch nicht gerade billig. –

Nun habe ich auch meinen neuen Bunker endlich nach meinem Geschmack eingerichtet, soweit es hier überhaupt etwas einzurichten gibt. Vor einigen Tagen kamen neue Schränke, und nun habe ich auch die Schildchen dazu geschrieben. Der Wandschmuck ist gering: die großen Entlüftermaschinen, Schränke u. Betten (drei übereinander) lassen wenig von der Beton-

fläche übrig. Auf der einen Seite hängt ein farbiger Druck mit einem Bildnis der Schauspielerin Hilde Krahl, an der anderen Seite – meine Maschinenpistole. So spielt sich unser häusliches Leben ganz zwischen Beton und Stahl, zwischen Maschinen, Waffen und Munition ab, tagsüber wie nachts einzig und allein von schlechtem elektrischem Licht beleuchtet. Das einzige, was uns in diesem fensterlosen Dasein mit der Außenwelt verbindet, ist das Radio, das aber schon sehr defekt ist und zuweilen einen mißtönigen Lärm von sich gibt. Über die Eingangstür habe ich groß diesen Spruch gemalt:

Dies ist der alten Kriege Feste,   Ein frischer Ton ist hier zu Haus.   Für Zimperliche wär’s das Beste,   Sie kehrten um und blieben draus.

Das mit den alten Kriegern stimmt. Ich habe nämlich lauter Obergefreite hier, die auch an Lebensalter sämtlich mindestens ein Jahrzehnt älter sind als ich. Doch komme ich ganz gut mit ihnen aus. Meine grafischen Talente haben mir schon den Auftrag eingetragen, auch für andere Stützpunkte taktische Zeichnungen anzufertigen. Dies ist mir sehr angenehm, da mir so für eine Zeitlang der Arbeitsdienst am Meer erspart bleibt, der, bei der augenblicklich herrschenden Kälte kein Vergnügen ist. – Für heute Schluß.

Herzliche Grüße, auch an Vater, und die besten Wünsche

Dein Gisbert