Gisbert Kranz an seine Eltern, 29. Februar 1944

29.II.44.

Liebe Eltern!

Am Sonntagnachmittag machte ich wieder eine Dienstreise nach Br. Ich hatte meinen Auftrag rasch erledigt, sodaß mir bis zur Abfahrt des Zuges noch einige Stunden zu meiner eigenen Verfügung standen. Das Wetter war schön, und ich konnte einen reizvollen Spaziergang durch die märchenhafte Stadt machen. Diesmal war ich auch in der Liebfrauenkirche, die ich bei meinem ersten Besuch in Br. verschlossen gefunden hatte. Der Innenraum der gotischen Backsteinkirche ist sehr harmonisch gegliedert. Doch fand ich die riesigen Gemälde, die an zahlreichen Säulen hingen, recht störend für den architektonischen Eindruck. Übrigens fand ich in Liebfrauen ein Kunstwerk, das man in Flandern kaum erwartet: eine Pietà von Michelangelo.

Bei meiner Rückfahrt traf ich einige Unteroffiziere der Baukompanie, die in unserem Stützpunkt arbeitet. Sie sprachen untereinander über liturgische Fragen, und ich hörte – ohne mich anfangs am Gespräch zu beteiligen – aufmerksam zu. Eine strittige Frage zu klären, mischte ich mich ins Gespräch, und da der Zug mit einer einstündigen Verspätung abfuhr, waren wir alsbald in angeregter und geistreicher Unterhaltung. Die Herren, die ich nur sehr flüchtig kannte, hatten wie ich den Sonntagnachmittag in Br. verbracht und auch die alten Baudenkmäler der Stadt besucht. Wir sprachen also aus dem unmittelbaren Erlebnis des Nachmittages heraus über die Besonderheiten der flämischen Architektur. Es war uns allen aufgefallen die merkwürdige Verwandtschaft zu der Scheldegotik und der Gotik des deutschen Ostseeraumes.

Ich wies auf die Ähnlichkeit der Kirchtürme von L. und von Danzig hin und bemerkte in diesem Zusammenhang, wie unverhältnismäßig groß die Kirche von L. sei und wie sich darin der Überfluß an schöpferischen Kräften des Mittelalters und der Drang nach monumentaler Gestaltung einer Idee offenbare. Das Mittelalter schuf in seinen kirchlichen und profanen Bauten mehr als nur Zweckbauten, sondern Repräsentationen seiner Macht und seines Glaubens. Dabei fiel mir aber ein, daß ja auch in der Berliner Neuen Reichskanzlei ein solches Werk entstanden ist, daß also auch unsere Zeit wieder Sinn bekommt für die Bedeutung einer repräsentativen Architektur, und ich sagte das. Ein anderer meinte dagegen, daß es vielleicht schon ein Zeichen des Niederganges sei, wenn solche großer Wert auf Repräsentation gelegt würde, und er machte dabei einen Unterschied zwischen der „Repräsentation“ des mittelalterlichen Stiles und der unserer Moderne. Ich versetzte, daß tatsächlich ein großer Unterschied zwischen dem Kölner Dom beispielsweise und der Neuen Reichskanzlei darin bestehe, daß am Dom Generationen gebaut haben und mehr als ein Meister die Pläne entwarfen, während die Reichskanzlei binnen neun Monaten buchstäblich aus dem Boden gestampft wurde. Selbst wenn man die größeren und besseren technischen Möglichkeiten berücksichtigt, läßt diese Tatsache doch auf einen tiefen Wandel der künstlerischen Gesinnung schließen. Deshalb bin ich geneigt, den Bau der Reichskanzlei eher als eine technische Leistung denn als Kunstwerk zu werten. Ein Kunstwerk ist doch nicht nur den konstruktiven Elementen verhaftet, sondern auch den organischen, und das bedeutet, daß es wachsen muß. –

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen wir nach Hause. Es ist eigenartig, wenn man im dunklen Eisenbahn-

abteil Menschen begegnet, die man kaum kennt, und von denen man nichts sieht und nur die Stimme hört. –

Morgen werde ich noch einmal nach Br. fahren müssen, und ich tue es gerne. –

Inzwischen habe ich genauere Nachrichten über das Schicksal der Div. „F“ erhalten. Die Division ist seit dem 22.XII.43 bei Witebsk, später bei Narwa eingesetzt und gleich zu Anfang schwer zusammengeschlagen worden. Bis auf den Kommandeur, der nun das Ritterkreuz erhalten hat, verlor mein altes Bataillon sämtliche Offiziere, darunter manch alten Bekannten von mir. Die Mannschaftsverluste sind entsprechend. Auch mein ehem. Kompaniechef ist gefallen. Ebenfalls die Pioniere sollen stark dezimiert sein und von beiden Regimentern Ersatz bekommen haben. Einige Briefe an alte Kameraden bekam ich jetzt wieder zurück.

Hier ist noch alles ruhig. Hoffentlich wartet der Tommy mit seiner Invasion, bis ich in Urlaub gefahren bin.

Herzl. grüßt Euch

Euer Gisbert

Nächsten Freitag haben wir wieder Gottesdienst im Stützpunkt, für mich den ersten in diesem Jahre.