Gisbert Kranz an seinen Bruder Karl-Heinz, 6. März 1944
08787 B, 6.III.44.
Lieber Karlheinz!
Für Deine Briefe danke ich. Wie sehr freuen mich die guten Nachrichten! Fein, daß Du vier Wochen Urlaub bekommst. Und dabei alle Feiertage mitnehmen kannst. – Sehr überrascht hat mich, daß Du Reserve-Offz. werden willst. Ich bin gespannt, zu erfahren, was Dich zu diesem Entschluß bewogen hat, nachdem Du anfänglich doch ganz anders darüber dachtest. Ich freue mich aber sehr über Dein Vorhaben und wünsche Dir dazu mehr Glück, als es mir beschieden war. Ich habe meine Offz. Laufbahn endgültig aufgegeben. Obschon ich durchaus die Möglichkeit hätte, noch einmal zur Waffenschule zu kommen, verzichte ich jetzt darauf: nicht, weil ich an meinen Fähigkeiten zweifle, sondern aus anderen Erwägungen heraus, über die wir nächstens vielleicht mal sprechen können.
Den Tibet-Film sah ich vor einem Jahr. Ich fühlte mich eigenartig davon berührt, und ebenso wird es Dir ergangen sein.
Deine Kritik meines Stils zeugt von der Aufmerksamkeit Deiner Lektüre, aber auch von schlechtem Unterscheidungsvermögen. Wohl ist Dein Grundsatz, daß auch „gelehrte Dinge“ in eine natürlich fließende Sprache zu kleiden seien, richtig und gewiß auch der meine. Doch gibt es Stoffe (nicht „gelehrte“, aber andere ...), die eine andere Sprache fordern als die des Alltags. Und die dichterische Sprache richtet sich vorerst nach den Regeln des Maßes, des Wohllauts und des
Gleichgewichts und ganz zuletzt erst nach den Regeln der Grammatik, die jenen nicht selten widersprechen. Was das von Dir angeführte Beispiel betrifft, so kannst Du diese Dir als willkürliche Regellosigkeit und Manieriertheit erscheinende „Verdrehung“ des Satzbaues als regelmäßige Eigentümlichkeit einiger deutscher Dialekte finden. Vielleicht, daß ich sie mir durch meinen längeren Aufenthalt in Ostdeutschland zueigen gemacht haben, möglich auch, daß der Einfluß einiger Schriftsteller und Dichter, wie Ernst Jünger, die solche Formen lieben, auf mich gewirkt hat.
Später mehr davon. –
Ich denke, bald fahren zu können. Es kann aber auch Ende März werden. Ich versuche aber alles, um am 15. schon zu Hause zu sein und bitte Dich, dann ebenfalls zu kommen, selbst wenn sich mein Urlaub verzögert. Da Du vier Wochen bleibst, werden wir uns auf keinen Fall verpassen.
Ich habe mich noch auf keinen Urlaub so unbändig gefreut wie gerade auf den bevorstehenden. Alles Gute und viele Grüße
Dein Gisbert
Postscriptum. Wenn Du Fräulein Koch besuchen willst, kannst Du Dir das Zimmer zeigen lassen, in dem ich vor fast fünf Jahren hauste (Kinder, wie die Zeit vergeht!). Dort wirst Du vielleicht noch Spuren des Schweißes finden, den ich über meinem Studieren vergossen habe.