Gisbert Kranz an seine Familie, 2. Juni 1944

Knokke

2.VI.44.

Meine Lieben!

Herzlich danke ich Euch für Eure Briefe und Kartengrüße, für Mutters liebevolle Zeilen, Vaters Nachrichten und Zeitungen und Zigarettensendungen und für Karlheinz’ Briefe, vor allem für das Heft „Benedikt Herfs“, das ich mit großer Anteilnahme gelesen habe. –

Pfingsten habe ich – wie Günter das Osterfest – hinter Schloß und Riegel, bei Wasser und Brot verbracht: fünf Tage geschärften Arrest, weil ich vor Übermüdung während des Dienstes eingeschlafen war und dabei – Pech muß der Mensch haben – ausgerechnet vom Regimentskommandeur erwischt wurde. Da ich als einzige Lektüre das Neue Testament in die Haft mitnehmen durfte und ich im übrigen in meiner Einsamkeit völlig ungestört war, habe ich auf diese Weise die Exerzitien gehalten, die Mutter mir unlängst noch wünschte. Außerdem habe ich wieder Verse gemacht – mittels heimlich eingeschmuggeltem Papier und Bleistiftstümpchen -, sodaß mir auch diese Tage „zum Besten gereichten“. Bedauerlich sind nur der Anlaß und die weiteren Folgen, und ich bin selbst unglücklich darüber, daß es mir nicht gelungen ist, hier einen besseren Eindruck zu machen. Ich drückte meinem Chef die Hoffnung aus, daß durch diesen neuen Zwischenfall meine Versetzung nur beschleunigt würde. Tatsächlich bin ich jetzt – kaum aus der Haft entlassen – zu einer anderen Kompanie versetzt, aber noch innerhalb des Regiments. Ich denke, daß diese neue Einheit mir zum Sprungbrett wird zum Sprunge an die

Italienfront. –

Ich schicke ein Päckchen mit Büchern und Korrespondenzen, deren Lektüre und Aufbewahrung ich Mutter anempfehle, vor allem die Briefe von Kiel, Ferdi, Jupp Breuer, Herder und anderen Freunden.

Nun wünsche ich Dir, liebe Mutter, baldige Gesundheit und gute Erfahrungen mit der neuen Hilfe; Dir, Vater, guten Fortgang des Geschäftes mit Karlheinz’ Unterstützung; und Dir, lieber Bruder, außer der Arbeit in Betrieb und Gruppe noch frohe, schöne und erholsame Urlaubstage.

Ich grüße Euch alle herzlich

Euer Gisbert

Ich bitte Euch, den Bekannten und Freunden von meiner Bestrafung nichts zu sagen, um dem Klatsch nicht neue Nahrung zu geben. Auch will ich nicht in einen Ruf kommen, den ich nicht verdiene. –

 

3.VI. Meine neue Feldpostnr. lautet: 19920 B. Es ist die 14. Kp. meines Rgts. Damit bin ich nun wieder bei einer neuen Waffengattung. Karlheinz kann Euch, liebe Eltern, sagen, was die 14. Kp. ist. Meine neue Einheit liegt in derselben Stadt, in der ich kürzlich den Zugführerlehrgang machte. Ich bin sehr glücklich darüber. Mein neuer Chef, ein junger Oberleutnant, scheint in Ordnung zu sein. Ich hörte nur Gutes über ihn, und auf mich selbst macht er einen menschl. sympathischen Eindruck. Ein sehr liebenswürdiger Zug von ihm ist es schon, daß er sein Zimmer mit mir teilt, da im Augenblick kein Raum für einen Unteroffizier frei ist. Ich hoffe, Euch im nächsten Briefe nur Erfreuliches mitteilen zu können. Ob ich von hier aus weiter nach Italien kommen soll, oder ob ich hier bleibe, weiß ich noch nicht.

Herzl. Grüße Euer Gisbert