Gisbert Kranz an seine Familie, 10. Juli 1944
Knokke
10.VII.44.
Meine Lieben!
Für Euren Brief vom 2.VII. herzl. Dank. Auch das Postgeld habe ich bekommen.
Mein Dienst ist jetzt sehr angenehm. Vormittags leite ich die Maschinengewehrausbildung der ganzen Kompanie, und nachmittags gebe ich Unterricht im Lesen und Schreiben. Da staunt ihr – aber es gibt tatsächlich noch Mitteleuropäer die weder lesen noch schreiben können. Mein Klient ist aber nicht – wie Ihr vielleicht annehmen werdet – einer jener Beutegermanen aus dem Weichselland, sondern ein Mann aus der Steiermark, Metallarbeiter, 38 Jahre und Vater von zwei Kindern, die in der Schule gute Fortschritte machen. Ich staune selbst über das pädagogische Geschick das ich bei diesem Unterricht entwickele, mehr aber noch über die Geduld, die ich dabei aufbringe. Versucht einmal, einem ostmärkischen Analphabeten, der einen schauderhaften Dialekt spricht, das Schrifthochdeutsch beizubringen! Ich habe aber nach wenigen Stunden meinen Alois schon so weit gebracht, daß er ganze Sätze in Sütterlinschrift (ohne Großbuchstaben) lesen u. schreiben kann. – Im übrigen ist auch bei uns heißes Sommerwetter, und der Badebetrieb am See wird immer lebhafter. Abends sitzen wir auf der Terasse des Hauses „Robinson“, sehen die Sonne über den Lac de la Victoire versinken und hören Musik (eigene
Kapelle: Klavier, Violine, Cello, Kontrabaß, Klarinette, Gitarre u. Bandonium – alles Kräfte aus der Kompanie; der Maestro in Zivil Konzertmeister in Berlin). –
Lieber Karlheinz! Du schreibst mir von Eurem Kreis, als ob ich ihn überhaupt nicht kenne. Ich habe schon oft genug mit den Brüdern u. Schwestern zusammengesessen, zuletzt noch in meinem Septemberurlaub, wo wir den ersten Rundbrief aus der Taufe hoben. Ich habe auch meinen bescheidenen Anteil daran geleistet, habe aber in diesen zehn Monaten, die seitdem verstrichen, noch keinen einzigen Rundbrief bekommen. Ein Brief an Irmgard Vogt blieb unbeantwortet. Die „Zentrale“ scheint sich wenig um ihre auswärtigen Funktionäre“ im Ausland zu kümmern. Die einzigen, die mir regelmäßig schreiben, stehen selbst als Soldaten draußen: Werner Vogt, Hans Effing, Erich Bonsiepen. Du darfst mal in meinem Namen gehörig auf den Tisch bumsen in Eurer „Zentrale“. Ich denke nicht an Mitarbeit, wenn ich nichts von der Gemeinschaft zu spüren bekomme. Howgh!
Richte bitte freundliche Grüße an Kpl. Rönz aus. Wo ist er jetzt tätig?
Herzl. Grüße u. Wünsche
Euer Gisbert