Gisbert Kranz an seinen Bruder Karl-Heinz, 21. Juli 1944

21.VII.44.

Lieber Karl!

Für Deinen feinen Brief und für die Mühe, die Du Dir trotz Deiner knappen Freizeit meinetwegen gemacht hast, besonders für die Abschrift der Sonette danke ich Dir aus ganzem Herzen.

Du liest „Synnöve Solbakken“ – das ist gut. Die Lektüre dieser wunderschönen Erzählung hat mir im vergangenen Jahre einige sehr heitere Stunden bereitet. Jetzt tun es „Die Leute von Seldwyla“ des liebenswürdigen Gottfr. Keller. – Bruder, fast beneide ich Dich um Deinen schönen Urlaub. Ich selbst kann mich allerdings über meine Lage auch nicht beklagen: Sie ist besser, als sie sich mancher Soldat wünschen mag. Mein Chef ist der beste, den Du in der Wehrmacht findest. Oder hast Du schon mal erlebt, daß ein Oberleutnant zu dem Telefondiensthabenden sagt, er dürfe sich jetzt ins Bett legen, er halte selbst die Nachtwache? Unser tut das wirklich, er hat es schon einige Male getan. Mein Dienst ist erträglich und läßt mir noch Zeit, meinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. Und die Verpflegung? Du ißt für drei, schreibst Du mir. Komm hierher, hier wirst Du nicht darben: Neue Kartoffeln, Gemüse, Salat, täglich Fleisch – alles reichlich und gut von Porzellan am weißgedeckten Tisch mit Damenbedienung. Sogar Obst bekommen wir neuerdings häufiger: Dinge, die ich schon jahrelang nicht mehr sah: Kirschen, Johannisbeeren, Erdbeeren.

Grüße bitte Mutter herzlich von mir: und sage ihr,

daß ich mich über ihre wiedergewonnene und im Hausputz bewiesene Unternehmungslust und Tatkraft freue, aber auch darüber, daß ein gütiges Geschick mich davor bewahrte, diese Umkehr aller mobilaren Werte erleben zu müssen.

Und grüße auch Vater, für dessen Briefe vom 14. u. 7.VII. ich danke. Auch seine Zeitungen habe ich bekommen. Und sage schließlich Fritz meinen Glückwunsch zur Versetzung in die Klasse 7 und zu dem bevorstehenden Urlaub. Ich lasse mich bedanken für seinen Brief vom 26.VI.: Nur dürfe er nächstens nicht mehr so unbefangen über militärische Dinge reden. Wenn er – wie in seinem letzten Schreiben – genaue Angaben über früheren u. jetzigen Standort seiner Batterie, ihre Bewaffnung und Stärke, ja sogar über ihre Verluste macht, so kann er damit bei der Zensur einmal gründlichst reinfallen. Das lohne sich doch nicht. – Den Brand in England kann ich von hier aus nicht beobachten, wohl die V1, die in den letzten Nächten auch über uns hinwegbrauste.

Dir selbst herzliche Grüße und gute Wünsche

Dein Gisbert