Gisbert Kranz an seinen Bruder Karl-Heinz, 5. August 1944

5.VIII.44.

Lieber Karlheinz!

Sei herzlich bedankt für Deine Briefe. Ich habe mit der Antwort solange gewartet, bis ich Deine neue Anschrift besaß.

Ich freue mich mit Dir über den schönen Urlaub, den Du genossen hast und wünsche, daß er Dir Kraft gegeben hat zur Bestehung des Kommenden.

Meine Lage ist unverändert. Der Roman ist in seinem ersten Teil fertig. Hoffentlich ist es mir vergönnt, auch die anderen vier Teile noch diesen Sommer zu vollenden. – Die Nächte sind jetzt in diesem Lande ebenso herrlich wie die Tage. Wenn ich auf nächtlicher Radstreife durch die flandrische Ebene fahre, so ist das trotz der 50 km, die dabei zurückzulegen sind, ein Vergnügen, vorausgesetzt, daß es nicht regnet. Denn die Straßen sind gut, und wir haben auch gute Räder. Wenn ich nicht die Maschinenpistole umhängen hätte, so könnte ich meinen, wie ehedem auf Großfahrt zu sein, so friedlich und zauberhaft liegt das Land von Düften schwer im Mondschein. Du darfst nicht meinen, diese Ebene sei öde und langweilig, denn ihre Weite ist von anderer Art als die der russischen Steppe. Sie ist von langen Baumreihen durchzogen, und nicht nur längs der Straßen und

Kanäle stehen hohe Pappeln, auch an Feldrainen und Wasserläufen ziehen sie sich hin, sodaß die Landschaft fast einen parkähnlichen Charakter besitzt. Eine Fahrt durch diese traumhellen Gefilde ist unsagbar schön. Das ferne Rauschen des Meeres und das tausendstimmige Quarren der Frösche im versumpften und überschwemmten Polder begleitet unsere stille Wanderung. –

Der Dienst beginnt gleich.

Frohe Grüße

Dein Gisbert