Gisbert Kranz an seine Eltern, 10. September 1944

10143 B, 10.IX.44.

Meine lieben Eltern!

Da jegliche Verbindung abgerissen war, habe ich Euch lange nicht schreiben können. Wie Ihr wohl schon vermuten konntet, ist auch meine Abteilung seit geraumer Zeit im Einsatz. Am 1.IX. hatte sich die Kriegslage im Westen so zugespitzt, daß unser rascher Aufbruch von K. notwendig wurde. Es war gerade an demselben Tag, an dem sich der Beginn des Krieges zum fünften Male und die Abstellung zu meinem ersten Fronteinsatz in Rußland zum dritten Male jährten. In rascher, verwegener Fahrt ging’s nach Nordfrankreich, wo wir im Raum südlich Lille in Stellung gingen. Die Tage von La Bassée waren angefüllt mit Kämpfen gegen Panzer und Terroristen. Eine Anzahl Partisanen wurde im Straßenkampf niedergemacht, andere füsiliert, ihre Häuser in Brand geschossen. Ich hatte nichts damit zu tun. Ebenso gefährlich und abenteuerlich wie diese Tage und Nächte wurde für uns die Absetzbewegung von Nordfrankreich durch Belgien bis nach Nordbrabant (Niederlande). Vielleicht werde ich Euch später einmal mündlich darüber berichten können. Viel zu schaffen machten uns allenthalben die Banditen, die beim Annähern der Engländer und Amerikaner Morgenluft witterten. Im Raume von Kortryck waren wir eingekesselt, doch gelang es, uns nach wechselvollen Gefechten bis zur niederländischen Grenze durchzuschlagen. Die meisten Ausfälle haben wir an Vermißten. Jetzt stecken wir in noch einem größeren Kessel, und es hängt davon ab, wielange der Kraft-

stoff für unsere Fahrzeuge und die Munition für unsere Geschütze reichen, ob wir durchkommen. Denn jeglicher Nachschub fehlt uns. Wir verpflegen uns aus dem Lande, da die mitgeführten Lebensmittelvorräte mählich zu Ende gehen. Diese Post wird mit Flugzeug nach Deutschland kommen. Ich hoffe, daß sie Euch noch erreicht, denn es wird für lange Zeit die letzte Nachricht sein, die ich Euch geben kann. In einigen Orten, in denen das Lichtnetz noch unversehrt war, konnten wir Radionachrichten hören. So wissen wir, daß nicht nur die Lage unserer eigenen Truppe, sondern auch die Lage an allen Fronten sehr ernst ist. Ich bitte Euch sehr, meinetwegen nicht in Sorge zu sein. Ich habe bisher alles gut überstanden, bin noch unverwundet und sehe den kommenden Geschehnissen getrost und gelassen entgegen. Einmal nach einem Feuergefecht wurde ich totgesagt. Als ich dann aber vergnügt und lebendig wieder erschien, war das Erstaunen und die Freude groß. Ich habe dies als ein gutes Vorzeichen aufgefaßt.

Die letzten zehn Tage waren hart und anstrengend, wir kamen kaum einmal zum Schlafen. Ich werde aber alles, was die Zukunft noch an Gefahren und Entbehrungen bringt, mit Gottes Hilfe überstehen. „Gott mit uns“, steht auf unserem Koppelschloß. Heute morgen (es ist Sonntag) hatte ich Zeit, in der Kirche des holländischen Ortes, in dem wir jetzt liegen, der Messe beizuwohnen. Gestärkt und getröstet gehe ich nun weiter. –

Ich hoffe sehr, daß diese Zeilen noch in Eure Hände gelangen. Es ist die einzige Möglichkeit, Euch noch ein Zeichen innigen Gedenkens zum Tage Eurer Silbernen Hochzeit zukommen zu lassen. Oh, wir hatten uns diese Feier anders vorgestellt! Doch wollen wir auch dieses

Opfer, das ja sehr gering ist, willig und gern zu den vielen, namenlosen Opfern legen, die jeder Einzelne unseres leidgeprüften Volkes in den letzten Jahren bringen mußte, hoffend, daß Gott es annehme zum Segen unseres Vaterlandes. Nie war ich solange von Euch getrennt wie jetzt (es wird nun ein Jahr, seit ich zuletzt bei Euch weilen durfte), doch empfinde ich heute diese Trennung nicht mehr so schmerzlich, da ich endlich an den Kämpfen teilnehmen kann und meine Aufgabe habe. –

Die Zeit der Ruhe in K. hat mich trotzdem nicht untätig gesehen. Ich begann meinen Roman: den ersten Teil habt Ihr bereits bekommen, weitere Teile des Manuskriptes führe ich bei mir. Ich hoffe, daß ich diese Blätter durch den Krieg retten werde, um das Begonnene glücklich zu Ende führen zu können, wenn Gott es will. Ich habe bis zur letzten Stunde noch an dem Werke geschrieben.

Nun grüße ich Euch herzlich und innig, und ich bitte Euch, meiner gut zu gedenken, mir allen Kummer, den ich Euch zufüge, zu vergeben und – wenn es mir beschieden ist zu fallen – meinen Tod zu tragen in dem Bewußtsein, daß ich ihn in dem gleichen Geiste starb, wie unser Herr am Kreuze.

Euer Gisbert

Grüßt meine Brüder und alle Bekannten und Freunde von mir!

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Meine Anschrift:

10143

B (unten rechts)