Gisbert Kranz an seine Familie, 26. Januar 1944

26.I.

Meine Lieben!

Soeben wurde ich aus der Haft entlassen. Nach Hause zurückgekehrt, finde ich – wie erwartet – einen Berg von Briefen vor, über dreißig Stück. Davon eine ganze Menge von Euch, für die ich vielmals danke. Ich will es mir ersparen, Euch die einzelnen Briefe zu nennen, da ich sie in den nächsten Tagen mit Büchern zurückschicken werde. Dann könnt Ihr nachsehen, was ich bekommen habe und was verloren gegangen ist. Mir scheint ab er, daß ich alle Eure Briefe erhielt und daß die Lücke, die meine Versetzungen in unsere Korrespondenz gerissen haben, nun geschlossen ist. Ich schicke Euch die Post zurück, da ich mein Gepäck leicht halten will. Nun im Einzelnen zu Euren Mitteilungen (ich beantworte sie wahllos ohne besondere Reihenfolge, so wie sie mir vorliegen):

Die Kreditscheine, die Vater mir seinerzeit schickte, habe ich doch noch verwenden können, wie Ihr wohl auch aus meinen Briefen ersehen habt. Päckchenmarken werde ich in den nächsten Tagen wieder bekommen, ich schicke sie Euch dann gleich zu. – Für die Kunstkarten und die Zeitungen herzl. Dank. – Ich freue mich schon auf das Namenstagspaket, das Mutter mir verspricht. Von den Weihnachtspaketen habe ich drei noch nicht erhalten, auch die Päckchen von Tante Maria und Tante Alex habe ich noch nicht bekommen. – Von Macken erhielt ich einen Brief, in dem er mir von dem Eindruck meines Buches in Freiburg sagt, man sei „sehr davon angetan und

auf eine höchst teilnehmende Weise davon berührt.“ – Mutter fragt, ob sie meine Arbeit über die „Symbolik der Farben“ Herrn Böhmer zeigen dürfe. Ich bitte sie, dies nicht zu tun. Überhaupt sehe ich es nicht gerne, daß jeder Gast oder Freund des Hauses in meine Arbeit Einblick nimmt. Ich weiß, daß Mutter es gut meint; doch bitte ich Dich, liebe Mutter, alle meine Manuskripte nicht nur in Deinem Schrank, sondern auch „in Deinem Herzen wohl zu bewahren“. – Vater möchte wissen, welchem Elternteil ich meine musische Begabung verdanke. Ich möchte und kann das nicht entscheiden. Auch will ich es mit keinem von Euch verderben. So mögt Ihr, liebe Eltern, diese Streitfrage unter Euch lösen, vielleicht dahingehend, daß Ihr Euch beide in gleicher Weise beteiligt haltet. – Ich freue mich, daß Fritz mir aus dem Urlaub einen längeren Brief schrieb. Ich werde ihm selbst antworten. –

Ich bedaure es sehr, daß ich durch meine Andeutungen, deren Sinn sich inzwischen geklärt hat, Dich, liebe Mutter, so beunruhigt habe. Was meine Berufswahl betrifft, so werde ich in jedem Berufe Gott und der Kirche dienen. Was meine Haft betrifft, so legt Ihr dieser Sache zu große Bedeutung bei. Karlheinz, der immer sehr eingehend schreibt, tat diese Angelegenheit mit wenigen wackeren Worten ab. Es ist alles halb so gefährlich. Die Haft selbst ist mir nicht schlecht bekommen. Morgen – teilte mir gerade mein Chef mit – fahre ich zum Regimentskommandeur, der mich meiner Beschwerde wegen vernehmen will. Das Weitere wird sich dann finden. –

Für heute Schluß. Die herzlichsten Grüße von Eurem

Gisbert