Gisbert Kranz an seine Eltern, 25. Dezember 1944

erhalten am 22. Okt. 1945.

25.XII.44. Meine lieben Eltern und Brüder! Diesen Brief schreibe ich Euch in wahrhaft festtäglicher Stimmung, und ich wünsche, daß Ihr jetzt ebenfalls unterm Christbaum sitzen könnt. Außer der äußeren Freiheit fehlte mir nichts zum Feste. Am Heiligabend stimmungsvolle Weihnachtsfeier mit Bescherung: Schönes Backwerk. Mitternacht Christmette. Heute morgen feierliches Levitenamt (es sind jetzt vier Priester im Lager) mit allem, was dazugehört: Weihrauch, Akoluthen, gregorianischer Choral, Kirchenchor (Schuberts „Heilig“, „In dulci jubilo“). Anschließend Spaziergang unter den vom Rauhreif silberglitzernden Bäumen des Lagers, während Glockengeläute von weither klang. Sogar der Stacheldraht wirkte im Sonnenschein wie ein silbern Ornament. Den heutigen Abend bin ich mit einigen Freunden zum Lagergeistlichen, der eine eigene, stilvoll ausgestattete Baracke bewohnt, eingeladen. Meine Krippe hat allen Freude gemacht, und die Engländer bewunderten sie. – Freut es Euch, wenn ich Euch sage, daß ich hier in der Gefangenschaft eine Komödie schreibe, deren erster Akt bereits fertig ist und die vielleicht hier ihre Uraufführung erleben wird? Ich wünsche Euch zum neuen Jahr alles Gute. Möge es uns den Frieden bringen! Innige Grüße und ein herzliches Gedenken Euch und all meinen Freunden von Eurem Gisbert.