Gisbert Kranz an seine Eltern, 14. Februar 1945
erh. 31. Jan. 46 Belfast
14.II.45. Liebe Eltern! An meinem Geburtstag hat unser Lagerpfarrer das heilige Opfer für das Geburtstagskind und seine Eltern dargebracht. Der Pfarrer ist ein prächtiger, junger Mensch aus der Paderborner Diözese, Schüler Kampmanns. Ich habe ein herzliches Verhältnis zu ihm und zu einigen andern neuen Freunden, das in bald heiteren bald ernsten Gesprächen bei gemütlicher Runde zum Ausdruck kommt. Auch Leute aus Steele traf ich hier. An meinem Namenstag eröffnete ich die Kulturarbeit im Lager mit einem Vortrag über Goethes Faust, der seinerseits eine zwanzigstündige Vorlesung über Faust einleitet. Die Zeit der Gefangenschaft wird für mich nicht leer, sondern äußerst fruchtbar in mancherlei Beziehung. Ich meine, im letzten Jahre geistig und seelisch gewachsen zu sein und noch weiter zu wachsen. Vor allem bin ich nach Jahren äußerer und innerer Unruhe in ein Stadium der Ruhe eingetreten und persönlich dem Frieden, den Er uns verheißt und den nur Er geben kann, näher gekommen. Dies schreibe ich, damit Ihr Euch mit mir darüber freut. Daß dabei Euer und der Heimat Schicksal mich stark bewegt, wißt Ihr. Ich brenne auf Nachrichten von Euch. Grüßt Böhmer, Holtmann, Gaillard, Frölichs, alle Freunde und auch die Hausgenossen. Seid selbst innig gegrüßt von Eurem Gisbert. Mir fehlen die Anschriften Karls, Günters u. Fritz’! Grüße an sie