Gisbert Kranz an seine Eltern, 19. März 1945
erh. 29. Jan. 46.
19.III.45. Meine Lieben! Jetzt lebe ich in angespannter Arbeit: Täglich ein Vortrag, Faustvorlesung, Reden zur Literatur und Philosophie, schließlich Deutschunterricht für einen Kursus aktiver Feldwebel, die sich auf ihre Abschlußprüfung vorbereiten. Ich selbst nehme als Schüler weiter am Englisch-Unterricht teil. So werde ich abgelenkt von allen Sorgen, die sonst niederdrückend wären. Wie lange habe ich Euch schon nicht mehr gesehen? Wie lange schon keine Nachricht mehr von Euch erhalten? Ich weiß nicht, ob Ihr noch lebt, in welchen Umständen Ihr Euch befindet. Diese Ungewißheit ist quälend, und ich bemühe mich tagsüber, möglichst nicht an Euch zu denken. Aber nachts, dann tretet Ihr oft in meine Träume. Aber eins soll uns trösten: wir haben uns in Zeiten des Glücks an Gott gehalten, so wird Er uns auch nicht im Unglück verlassen. Mag Raum und Zeit uns voneinander trennen, wir sind eine Gemeinschaft, denn wir essen von einem Brote. Sagt das allen Freunden. Grüßt alle. In Liebe und Verehrung Euer Gisbert.