Gisbert Kranz an seine Eltern, 3. Januar 1946
erh. 4. März 46
3.I.46. Liebe Eltern! Im vergangenen Sommer habe ich in der Muße, die mir das Lager in Irland reichlich gewährte, viel über meine Zukunft nachgedacht und schließlich meinen Lebensplan festgelegt. Ich sah klar, daß Gott durch Begabung, Neigung und Erziehung mich dazu bestimmt hat, den Geist der christlich-abendländischen Kultur an die nächste Generation überliefern zu helfen. Zum Priester fühlte ich mich nicht mehr berufen. Ich erkannte, daß ich die Aufgabe meines Lebens am besten erfülle, indem ich als Lehrer an einer höheren Schule und gleichzeitig als Schriftsteller wirke. Durch Arbeit im Berufe und durch Gründung und Gestaltung einer Familie wollte ich mitschaffen am Reiche Gottes. Ich schrieb mir meinen Plan im Einzelnen auf, merkte die Ziele und die Mittel, zu diesen Zielen zu gelangen. Und wie damals, so bin ich heute noch fest entschlossen, mit Gottes Gnade diesen Weg zu gehen. Es werden Schwierigkeiten sich vor mir auftürmen, aber ich werde sie überwinden. Gott hat mich den Krieg nicht überstehen lassen, damit ich zugrunde gehe. Ich werde studieren, lehren, schreiben, werde Frau und Kinder haben und – vielleicht – glücklich sein. Ich bin sicher, daß Ihr mir Euren Segen dazu nicht versagen werdet. Möget Ihr noch solange leben, daß ich alles, was Ihr mir gegeben habt und noch geben werdet, Euch vergelten kann. Ich inniger Liebe grüßt Euch Euer Gisbert