Gisbert Kranz an seine Eltern, 17. Februar 1946

erh. 4. März 46

17.II. Liebe Eltern! Wie es mir bisher in Gefangenschaft erging? 2 Monate Lazarett, meist in Bayeux. Vorzügliche Behandlung und Pflege durch engl. Ärzte und Schwestern. Seit 16.XI.44 im Kamp Northwich (bei Liverpool). 6.I.-31.I. im Kamp Devizes (Südengland). Miserable Verhältnisse, schlechte Unterkünfte und mangelhafte Bekleidung bei Frost und Schnee. Am 1.II.45 nach Holywood (N. Irland). Bessere Baracken, schön gelegen. Weiter Ausblick in die Landschaft, großartiges Panorama der Bucht von Belfast: Hafen, Meer, Gebirge, Felsen, Wald. Dort Frühling, Sommer, Herbst zugebracht. Dauernde Ferien. Viel gelesen, geschrieben, Vorträge gehalten und Unterricht gegeben. Jeden Morgen Messe und Kommunion. Die Freundschaft einiger guter Menschen genossen, so des prachtvollen Franz Peitz, den ich als Marinepfarrer von Ostende her schon kannte. 2.X. verschifft. Nach kurzem Aufenthalt in Schottland, am 9.X. Ankunft in Ripon. Neue Verhältnisse, neue Menschen. Seitdem Arbeit in zwei Schichten: tagsüber auf dem Lande (Kartoffel- und Rübenernte) oder auch im Hoch- u. Tiefbau; nachts Studium. Hier im Lager (wie auch in Holywood): Theater, Variete, Konzerte, Unterrichtskurse, Kino (deutsche Filme), Radio, Zeitungen (engl., deutsche, schweizer Presse), Bibliothek. – Die Verpflegung war überall so, daß man nicht zu hungern brauchte. Für das Geld, das wir verdienen, können wir in der Kantine Zigaretten, Bier und Kleinigkeiten kaufen. Seit meiner Lazarettzeit noch nie krank gewesen. – In Liebe Gisb.