Gisbert Kranz an seine Eltern, 15. März 1946

erh. 9.4.46

15.III.46. Meine lieben Eltern! Herzlichen Dank für Päckchen und Brief vom 18.II. und Brief vom 3.III. Endlich mehr als 25 Worte! Und dazu eine Probe von Mutters altbewährter Backkunst! Das dürft Ihr aber nicht noch einmal tun. Wir bekommen 2800 Kalorien und können uns noch Kuchen, Kakau, Bier, Limonade, Zigaretten usw. kaufen. Wenn es möglich wäre, müßte ich Euch etwas schicken. Ihr hättet es nötig. Wir brauchen nicht zu hungern. Wir als Soldaten haben das letzte schreckliche Halbjahr des Krieges in Sicherheit verbracht, ohne Alarme, ohne Bunkernächte, ohne Lebensgefahr; Ihr als Zivilisten habt zur gleichen Zeit wehrlos die Schrecken des Krieges über Euch ergehen lassen müssen. Bedauert uns nicht! Wir müssen Euch bedauern, daß Ihr nach alldem auch noch hungern sollt. Und wir können Euch nicht helfen. Ach, laßt uns nicht verzweifeln, auch nicht über das Schicksal meiner Brüder, Eurer Söhne. Ich weiß, daß Ihr tapfer seid. Mutters Brief zeigt es mir. Liebe Mutter! Wie haben mich deine tapferen Worte, aus solchem Jammer heraus gesprochen, gefreut! Arbeit nicht als Last, sondern als Medizin! Ich bewundere Euch! „Arbeiten, nicht verzweifeln!“ sagt Carlyle. Und glauben, hoffen, lieben! Wir sind Christen, Kinder Gottes – welch ein Trost! Wir wissen um die Macht der Gnade. Wie reich sind wir noch in aller Armut! Lieber Vater, ich drücke Dir die tapfre Hand, und Dich, liebe Mutter, küsse ich innig. Gisbert.