Gisbert Kranz an seine Eltern, 13. April 1946

2. Mai 46.

Ripon, den 13.IV.46. Meine lieben Eltern! Dank für Eure Karten vom 16. u. 21.II. und den 5. Brief. Meine Gedanken und Gebete sind oft bei Euch, vor allem jetzt, da ich um Euren Gesundheitszustand weiß. Mögen diese Zeilen Euch in einer besseren Lage antreffen, als die, in der Ihr den letzten Brief an mich geschrieben habt. Wenn ich heimkomme (wann das sein wird, hat Gott schon beschlossen), werde ich Euch wohl anders antreffen, als ich Euch verlassen habe. Und Ihr werdet auch mich verändert finden, älter, reifer, weiser. Denn das Leid hat uns weise gemacht u. geduldig. Müssen wir Gott nicht auch für das Leid dankend? Wir werden uns also als andere Menschen wiedersehen. Aber unsere Liebe wird durch die lange Trennung noch stärker geworden sein. Freuen wir uns darum jetzt schon auf die Wiedervereinigung! – Wie ich Weihnachten verbrachte? Ich schrieb bis jetzt nichts davon, weil ich die wenigen Zeilen mit Wichtigerem zu füllen hatte. Den Hl. Abend verbrachte ich mit meinem Kameraden auf der Baracke. Wir hatten einen Christbaum, Kaffee und Kuchen, sangen Lieder, und ich mußte eine Rede halten. Mitternacht Mette mit Musik. Den andern Abend war ich im Kreise des Lehrerkollegiums, das auch den Geistlichen, einigen Studienräten und Studenten besteht. Weihnachten ohne die Nähe eines geliebten Menschen ist immer ein wehmütiges. Meine Gedanken weilten bei Euch; bei denen, die ich verlor; und bei dem Menschen, den mir Gott einst schenken wird. – Gisbert.