Gisbert Kranz an seine Eltern, 12. Mai 1946
erh. 25.5.
12.V.46. Liebe Eltern! Heute, am Muttertag, gedenke ich in inniger Liebe Dein, liebe, treue, tapfere Mutter! Nach all dem Leid, das Du bis heute noch erdulden mußt, sollst Du einmal viel Freude erleben, wenn Dein Sohn in aller Freiheit seine Anlagen entfalten kann. Die Routine des Unterrichtens, schon als ND. Gruppenführer und als Ausbilder erworben, habe ich hier durch meine ausgedehnte Lehrtätigkeit (in anderthalb Jahren 80 Vorträge, die Unterrichtsstunden nicht eingerechnet) noch vergrößert. Neulich begann ich mit großem Erfolg eine auf 15 Stunden berechnete Einführung in die Philosophie. Außer etwa 20 Gasthörern nehmen 20 Eingeschriebene regelmäßig daran teil. Darunter sind Studienräte, Geistliche, Ingenieure, Doktoren und andre Akademiker. Daß Männer von Beurteilung und weit höheren Alters immer wieder meine Vorträge besuchen, bestärkt mich in der Überzeugung, daß ich mit der Wahl des Lehrerberufes den richtigen Weg beschritten habe. Kiel und Maaßen hatten Recht, als sie mir dazu rieten. Dies ist wirklich die Aufgabe meines Lebens. In ihrer Erfüllung könnte ich wohl glücklich werden. – Geschrieben habe ich in den letzten Monaten nichts, außer einigen Aufsätzen, die in der Lagerzeitung abgedruckt wurden. Doch habe ich mit Eifer meine englischen Studien fortgesetzt und mich neuerdings auf die Botanik, vor allem auf die Pflanzenmorphologie gelegt, die mich die Sommermonate über beschäftigen soll. Da ich nach Ostern zwei Wochen „arbeitslos“ war, bin ich ein mächtiges Stück vorwärts gekommen. Jetzt arbeite ich an der Drainierung von Feldern. – Nun schreibt mir etwas aus Eurem Alltag, Dunkles und Helles! – Alles Gute! 1000 Grüße Euer Gisbert