Gisbert Kranz an seine Eltern, 21. Mai 1946
Ripon, den 21. Mai 1946.
Liebe Eltern!
Endlich ist es mir einmal möglich, euch einen langen Herzenerguß zukommen lassen, ohne an vorgedruckte 24 Zeilen und Zensurbestimmungen gebunden zu sein. Herr Becker aus Steele hat sich angeboten, bei seiner Entlassung aus der Gefangenschaft einen Brief zu befördern. Ich bin ihm für diese Freundlichkeit dankbar und hoffe, daß das Risiko nicht zu groß ist.
Eure Briefe, auch die alten nachgeschickten, habe ich mit größerer Anteilnahme gelesen, als ich Euch im Telegrammstil der vorgedruckten Karten u. Briefe wissen lassen konnte. Eure Sorgen sind auch die meinen. Mit Euch trage ich schwer an dem Verluste Karls und Günters, mit Euch bange ich um das Schicksal Fritzens, mit Euch sorge ich mich um die Zukunft unserer Firma. Aber ich freue mich, daß Ihr alles Schwere und Dunkle mit Starkmut tragt. Und so bin ich – obwohl unglücklich, Euch nicht tatkräftig beistehen zu können – doch getröstet in dem Bewußtsein, daß Euren starken Glauben die Not nicht überwinden wird. Der Glaube ist unsre Stärke; im Glauben
an die Ewigkeit stehen wir über dem Zeitlichen, und im Glauben an das Himmlische meistern wir das Irdische. Laßt Euer Herz nicht traurig werden, meßt Euer Leid nicht an dem der anderen, die vom Schicksal begünstigter erscheinen. Sondern tragt das Euch Auferlegte in Geduld u. Zuversicht. Ich bemühe mich täglich selbst um diese Geduld, die nicht Leidenschaftslosigkeit, Entsagung, Willenlosigkeit, Trägheit, Gleichgültigkeit, Fatalismus ist, nicht eine Schwäche, die alles hinnimmt, weil doch nichts daran zu ändern ist, sondern eine Tugend der Stärke, die frei den Willen Gottes bejaht.
Über mein Leben hier habe ich Euch verstreut einiges mitgeteilt. Auf die fast zwei Jahre meiner Gefangenschaft zurückblickend, sehe ich, daß sie mir sehr heilsam geworden sind. Ich bin reifer, ruhiger, gelassener geworden, habe meine Grenzen klar erkannt und meine Fähigkeiten abgeschätzt. Ziel und Weg meines Lebens stehen mir fest und klar vor Augen, und das unsichere Schwanken der Studenten- und Soldatenjahre hat eine sichere Entscheidung beendet. Ich habe meine Kenntnisse auf ver-
schiedenen Gebieten erweitert und alles bisher erworbene Wissen wiedergekäut und nun erst richtig verdaut. Ich habe alte Ideen geklärt, neue hinzugewonnen, das Ganze geordnet und fest verankert. Ich habe meine Menschenkenntnis beträchtlich erweitert durch manche Erfahrungen und eine Fülle von Beobachtungen. Ich habe meinen Blick für die Natur geschärft und eine Fülle von bisher nur angelernten Tatsachen mir recht bewußt gemacht. Und so bereite ich mich täglich weiter vor für die Aufgabe, die auf mich wartet.
Nun wollt Ihr etwas von unserem Leben hier hören. Ich sage diesesmal „unser Leben“. Denn es ist das Leben einer Gemeinschaft, oder – besser gesagt – einer gegliederten, organisierten Masse.
Zunächst unser Lager. Es liegt unweit von Ripon an der Uferhängen der Ure inmitten einer anmutigen Landschaft. Wir wohnen in Steinbaracken. Grünflächen und Blumenbeete geben dem Ganzen ein freundlicheres Aussehen. Jetzt liegen hier wohl 2000 Männer. Ein Kriegsgefangenenlager ist eine Stadt für sich. Trotz hermetischer Abschließung von der Außenwelt ist hier alles vorhanden:
Kirche, Schule, Verwaltungsbüros, Polizeiwache, Kramladen (sprich Kantine), Handwerkerstuben, Kino, Konzert u. Theatersaal, Bibliothek, Druckerei, Krankenhaus, Sportplätze – nichts fehlt – außer Frauen und Kindern. Es ist eine Stadt der Männer. Dieser Mangel wirkt sich dahin aus, daß die Stillen, die durch den Krieg ohnehin schon abgestumpft und verwildert sind, ständig noch roher werden, je länger die Männer unter sich zusammen hausen. Anstand und Höflichkeit scheinen mehr und mehr unbekannt zu werden; Grobschlächtigkeit, Frechheit, schamloses Benehmen sind die Äußerungen eines rücksichtslosen Egoismus, der immer weiter um sich greift. Ein empfindsames Gemüt muß eine solche Umgebung, der es nicht einmal entrinnen kann, sehr bedrücken und – sähe es nicht wenigstens hier und da Zeichen von Güte und Freundlichkeit – völlig niederschlagen. Die Gefangenschaft ist eine unendliche Geduldsprobe. Ich bemühe mich, sie stündlich zu bestehen; mein Herz nicht kalt und meine Vernunft nicht trübe werden zu lassen; meine innere Freiheit, meinen Humor und meine Gelassenheit zu bewahren. Von dem kleinlichen Ärger des Alltags will ich Euch nicht schreiben; er ist – ge-
messen an den Sorgen der Heimat – lächerlich gering. Doch kann man täglich über menschliche Erbärmlichkeit und Gemeinheit stolpern, wenn man nicht durch diesen Dunst auf Großes, durch das Vergängliche auf das Ewige schaut.
„Wandrer, gegen solche Not Wolltest Du Dich sträuben? Wirbelwind und trocknen Kot - Laß ihn drehn und stäuben!“ (Goethe)
Was nun not tut, ist eine Dosis von christlichem Stoizism.
Wie uns der Tag verläuft, schildert eine Betrachtung „Einer von Tausend“, die ich in der „Pforte“, unserer monatlichen Lagerzeitschrift, drucken ließ und hier beilege. Im Frühling ist nun freilich manches angenehmer. Das milde Wetter und die blühende und grünende Landschaft lassen auch die Arbeit draußen jetzt erfreulicher werden. In den letzten zwei Wochen war ich in verschiedenen Kommandos: Drainage, Straßenbau, Landwirtschaft. Da viele Kommandos über 30 km von Ripon entfernt sind und ich schon häufig unter ihnen wechselte, bin ich weit in der Gegend
umhergekommen und habe manch schönes Stück von Yorkshire gesehen. Was Ihr sonst noch über unsere Verhältnisse zu wissen wünscht, wird Euch Herr Becker wohl gern erzählen.
In einem früheren Briefe schrieb ich Euch von meiner „Einsamkeit“. Mutter hat das so aufgefaßt, als ob ich hier keine „Gleichgesinnten“ hätte. So ist es zwar nicht. Alle Menschen hier, auf deren Freundschaft ich Wert lege, sind mir wohlgeneigt, und ich habe keinen zum Feind, dessen Feindschaft gegen mich ich beklage. Vor allem bin ich den meisten Herren des „Lehrerkollegiums“ sehr verbunden. Das „Lehrerkollegium“ ist eine Gruppe von Doktoren, Studienräten usw., die in Abendkursen Unterricht in Sprachen, Mathematik, Finanzwesen, Wirtschaft, Politik, Geographie, Physik, Chemie, Geschichte usw. geben. So z. B. spricht heute abend ein Universitätsdozent über Geologie. Gelegentlich kommen auch Redner von außen her ins Lager: Zivilisten und Offiziere, Engländer und deutsche Emigranten, Wissenschaftler und Politiker. Das Unterrichtswesen des Lagers untersteht einem Studienleiter, der gleichzeitig auch
die Lagerzeitung redigiert. Ein prächtiger Mensch, dem ich verbunden bin. Er ist fast der einzige der Lehrkräfte, der aufgrund seiner offiziellen Stellung nicht draußen arbeitet. Die andern – meist schon alte Herren – arbeiten bei Bauern u. im Straßenbau und leisten ihre wissenschaftliche und pädagogische Arbeit in den Abend- und Nachtstunden. Ich selbst – quasi Inhaber des Lehrstuhl für Philosophie und Literatur – habe augenblicklich das Glück, wieder arbeitslos zu sein und den ganzen Tag zu meiner eigenen Verfügung zu haben. Da den Lehrkräften ein eigener Raum zur Verfügung steht, bin ich ungestört.
Ich habe mir die Sympathie und sogar die Achtung der meisten Herren des „Lehrkollegiums“ erworben. Viele sind unter meinen ständigen Hörern, besonders bei der „Einführung in die Philosophie“, die – ich darf mich so rühmen – die Geistigkeit des Lagers vereinigt. Der Kursus geht gut vorwärts, man nimmt regen Anteil, schreibt Kolleghefte, disputiert (am Ende jeder Stunde in der öffentlichen Disputation!) lebhaft über die vorgetragenen Probleme und nimmt das Ganze so ernst, wie ich es nur wünschen kann. Meine Jugend hält Männer,
die dem Altern nach mein Vater sein könnten, nicht ab, mich zu hören. Einer meiner eifrigsten Hörer ist der Universitätsdozent, dem ich meinerseits in der Geologie zu Füßen sitze.
Über die Wissenschaft kommt die Geselligkeit nicht zu kurz. Gelegentlich finden wir uns im munteren Kreise bei Kaffee und Kuchen zusammen, häufiger auf Spaziergängen. In solchen Stunden erhole ich mich und gewinne gleichzeitig wieder an Kenntnissen und neuen Gesichtspunkten.
Meine Einsamkeit ist anderer Art. Sie schließt die Geselligkeit nicht aus und den freundlichen Umgang mit vielen. In ihren Stunden, die tagsüber bei der Handarbeit oder nachts sich nahen, versenke ich mich in mich selbst, forsche in meinem Inneren und höre nicht auf, staunend Neues, Nieempfundenes zu entdecken. Aus dieser Einsamkeit wachsen meine tiefsten Erkenntnisse, meine höchsten Gedanken und meine schönsten Gedichte.
Ich füge einige Gedichte Gripekovens bei. Die Sonette „An die zukünftige Geliebte“ halte ich für das Beste, das er bisher schrieb. Sie sind entstanden in den letzten Wochen des vergangenen und in den ersten Wochen dieses Jahres. Sprecht mit niemandem darüber und zeigt sie keinem. Nur Maaßen dürft Ihr sie leihweise eine Zeit lang überlassen mit der Bitte, sie geheim zu halten. Gern hätte ich Euch auch die Englischen Sonette geschickt. Doch halte ich es aus mehreren Gründen für ratsamer, sie hier zu verwahren.
Vieles hätte ich Euch noch zu sagen. Doch es muß einer späteren mündlichen Aussprache vorbehalten bleiben. Vor allem Eure und meine Gedanken über unsere gemeinsame Zukunft suchen einander. Doch kann ich von hier aus nicht die Verhältnisse und Umstände beurteilen, die notwendig in Erwägung gezogen werden müssen, wenn man eine Entscheidung treffen soll. Auch weiß ich zu wenig über Eure Meinungen. Deshalb will ich mich brieflich noch nicht dazu äußern. Solange das Schicksal Fritzens noch ungewiß ist, können wir noch keine Entschlüsse fassen. Ich hoffe, daß sich diese
brennende Frage bald beantwortet und daß ich nicht mehr lange zu warten brauche, bis ich mit Euch Aug’ in Auge über alles sprechen kann. Doch seid wiederholt versichert, daß ich Euch nicht verlassen werde und daß Ihr von mir alle Hilfe bekommt, die ich Euch geben kann.
In manchen Nächten erschien mir in Träumen Dein liebes Bild, Mutter: Es war wie einst, doch war unser Beieinander so innig wie nie zuvor, ungetrübt von den Schatten des Mißverstehens. Ich empfand ein reines Glück. Zweimal geschah es dann, daß ich aufwachte: im gleichen Augenblick stürzten mir die Tränen aus den Augen, vor Freude über das eben Empfundene und vor Schmerz, daß nur ein Traum die große Entfernung zwischen uns überbrückt hatte. Und dann dachte ich, daß Du jetzt ebenso weinend meiner gedenkst – ich fühlte mich von Dir gegrüßt und grüßte Dich wieder. Und mit einem Gebet für Dich schlief ich wieder ein.
Wir werden uns wiedersehen, liebe Mutter, lieber Vater, und wir werden uns mehr lieben als je. Freuen wir uns schon jetzt darauf! Euer Gisbert.