Gisbert Kranz an seine Eltern, 9. Juni 1946

Pfingsten 1946.

Liebe Eltern! Herzl. Dank für Euren Brief vom 5.V. Not, Angst, Sorge – das sind die Worte, die ich in jedem Eurer Briefe lese. Ich verstehe Euch und Euren Schmerz. Die Not ist überwältigend. Die vielen, die sich ihr Leben nahmen, gehörten zu den Besten des Volkes. Die übergroße Empfindsamkeit ihrer feinen Seele ward ihnen zum Verhängnis. In Verzweiflung zerbrachen sie. Da Verzweiflung jede Schaffenskraft lähmt u. den Menschen zugrunde richtet, suche ich ihr zu entgehen. Gleichsam aus Selbsterhaltungstrieb halte ich von meiner Empfindsamkeit alles fern, was mich zermürben (Zeitung, Radio) oder abstumpfen (Film, Varieté) könnte. Stattdessen ergreife ich das, was mich ermutigt u. stärkt: Arbeit u. Gebet, Freude am Schönen in Kunst u. Natur, der Umgang mit guten Menschen. So komme ich zu mir selbst, und wenn mich ein Schmerz überfällt, kann er mich nicht überwinden. Denn ich lerne mehr und mehr, durch das Sichtbare auf das Unsichtbare, durch das Zeitliche auf das Ewige zu schauen. Den Blick allein auf das Wesentliche gerichtet, fällt das Unwesentliche ab. Kürzlich habe ich ein Schauspiel, das ich im Anfang meiner Gefangenschaft schrieb, vernichtet. Es genügte mir nicht mehr. In anderthalb Jahren habe ich mich nicht verändert, aber ich bin gewaltig gewachsen. – Ich schreibe Euch nur von mir. Aber was wollt Ihr anderes hören, als von meinem Fühlen u. Wollen! Ihr sollt Euch freuen über die Fortschritte, die ich mache, und sollt wissen, daß ich Euch zu unendlichem Dank verpflichtet bin, daß ich immer in Liebe an Euch denke. Habt mich lieb und liebt jeden Menschen! Denn die Liebe ist der Geist, der das Angesicht der Erde erneuert. Euer Gisbert.