Gisbert Kranz an seine Eltern, 15. Juni 1946
15.VI.46. Liebe Eltern! Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man Briefe bekommt von Menschen, die schon über ein Jahr tot oder verschollen sind. Ich spürte es, als ich die alten Briefe erhielt, die Mutter mir am 1.VI. zuschickte und die mir die teuren Schriftzüge Karls, Fritzens und Ferdis wiesen. Ich danke Dir, lb. Mutter, sehr dafür, auch für den Brief vom 30.V. mit den Mitteilungen Dr. M.s, den ich heute bekam. – Wenn ich könnte, käme ich sofort. Ich habe mich entschieden, auf Studium, Doktortitel und Lehramt zu verzichten u. Euch sofort nach meiner Heimkehr tatkräftig zu helfen. Ich habe einen Plan. Wenn die Umstände ihn ermöglichen, werdet Ihr spätestens drei Jahre nach meiner Heimkehr völlig entlastet sein: Mutter wird sich nicht mehr um den Haushalt zu kümmern brauchen, Vater nicht mehr um das Geschäft. Ich werde ihm die Arbeit abnehmen. Und Mutters Arbeit wird meine Frau übernehmen. Jawohl, meine Frau. Ich denke, es gibt noch brave, tüchtige Mädchen daheim, und eine von ihnen werde ich sobald als möglich freien. Ihr werdet an ihr eine Tochter haben. Wir werden zu viert zusammenwohnen und uns lieb haben. Meine Frau und ich werden arbeiten, Ihr, meine teuren Eltern, sollt ruhen. Wir werden Sorgen haben, aber wir werden glücklich sein, da unsere Liebe alle Sorge überwinden wird. Keine starken Hände werden Euch nähren, und Gott wird uns seinen Segen geben. Ich habe mehrere Tage darüber nachgedacht. Immer stand mir Euer Wohl vor Augen. Mir selbst aber eröffnen sich neue Möglichkeiten und Ausblicke für die Zukunft. Ich habe Einzelnes erwogen. Wie es sich gibt, wird die Zukunft zeigen. Seid getrost und behaltet Mut! Vertraut auf Gott! Verzweifelt nicht! Wartet noch eine kleine Weile auf Euren gefangenen Gisbert.