Gisbert Kranz an seine Eltern, 30. Juni 1946
30.VI. Meine lieben Eltern! Herzl. Dank für Eure Briefe vom 26.V. u. 16.VI. Inzwischen werdet Ihr die Briefe bekommen haben, in denen ich auf Eure Sorgen eingehe. Hoffentlich seid Ihr nun auch im Besitz eines langen Briefes, den ich dem repatriierten Fritz Becker aus Steele an Euch mitgab. So werdet Ihr erkennen, daß mich unser Los keineswegs kalt läßt und daß ich mir viele Gedanken gemacht habe über die Lage unserer Familie und unseres Geschäftes. Meinen Entschluß, Euch unter allen Umständen beizustehen, teilte ich Euch schon längst mit. Meine eigene Zukunft ist mit der Euren so eng verknüpft, daß ich nie egoistisch nur meinen Vorteil im Auge hatte, ohne den Euren zu berücksichtigen. Bedenkt, daß, wenn Ihr mir eine Frage vorlegt, die Antwort darauf erst in 4-8 Wochen in Eurer Hand sein kann. An dem Verlust meiner Brüder trage ich schwer, schon deshalb, weil er mein Leben in eine andere Bahn zwingt. Aber das ist nicht die erste Ursache für meinen Schmerz, an dem ich mein Leben lang tragen werde und der mich in manchen Augenblicken mit aller Wucht überfällt. – Seit Wochen arbeite ich wieder im Straßenbau, wo es mir bedeutend besser gefällt als in der Landwirtschaft. Meine Einführung in die Philosophie hat nach den ersten 8 Stunden noch die gleiche Teilnehmerzahl wie zu ihrem Beginn. Die meisten schreiben Kolleghefte und arbeiten fleißig den Stoff durch. Das Ziel, das ich mit dieser Vorlesung erstrebe, wird also schöner erreicht, als ich erwartet hatte. – Nun grüße ich Euch herzlich und wünsche Euch alles Gute, vor allem Mutter zum Namenstag. Habt frohen Mut! In Liebe Euer Gisbert.