Gisbert Kranz an seine Eltern, 12. Januar 1947
12.I.47. Liebe Eltern! Herzlich gefreut hab ich mich über Eure lieben Briefe von 25.XII. und vom 2.I., besonders über die Bilder, die ich mir schon lange gewünscht hatte. Ich bat bereits vor einem Jahr um Fotos von Euch. So habe ich Euch nun wenigstens in etwa sinnlich gegenwärtig. – Die Nachricht vom Tode Helles hat mich, an derlei Botschaften schmerzlich gewöhnt, kaum noch berührt. Die Verluste, die ich erlitt und an die mich die Totenzettel wieder erinnern, sind so groß und schwer, daß ich mich mehr und mehr als einen der wenigen Überlebenden empfinde, die ein schöner Kreis durch gemeinsame Ideale verbundener Menschen übrig gelassen hat, einer der wenigen Zeugen, die noch von dem sprechen können, was wir gemeinsam erdacht, erlebt und erlitten hatten, um es späteren zu überliefern. – Daß ihr wieder freundschaftlichen Verkehr mit den Wattenschneidern aufgenommen, freut mich ebenso wie die Vertiefung des gutnachbarlichen Verhältnisses mit den Salbergs. Denke es ist gut, in diesen Zeiten die Bande der Freundschaft, des Blutes oder gemeinsamer Interessen enger zu knüpfen und die Beziehungen, die wir zu Menschen haben, die uns aus dem ein oder anderen Grunde wert sind, fester zu gestalten. Ich schrieb an Wilhelm eine Karte, an seine Steeler Anschrift adressiert und mit einem Gruß an Frau Doktor begleitet. Wenn Ihr mir die Anschrift der van Bürcks mitteilen wollt, werde ich auch dorthin mal ein Lebenszeichen schicken. Wohnen sie noch in ihrem Haus am August Bebel-Platz? Mit Frölichs wechselte ich ebenfalls einige Karten und Briefe, wie auch mit manchem alten Freund, der sich dank der freundlichen Bemühungen Wilhelms meldete. – Meine Tätigkeit ist Schreiberarbeit, doch werde ich so selten in Anspruch genommen, daß mir sehr viel Zeit bleibt. Die geht dann mit Arbeiten für die Kirche, mit häufigen Spaziergängen und mit dem Studium einiger Werke über englische Geschichte kurzweilig und nützlich herum. – Unter den vielen alten Bekannten, die ich hier unter den durchgehenden Repatriierten wieder treffe, begegnete mir jüngst Lehnhardt, ein ehemaliger Kompaniekamerad, mit dem ich auch die ersten Monate der Gefangenschaft beisammen war. Er ist im Westerwald zu Hause, wo er ein Gut besitzt, und versprach mir, Euch mal ein Paket zukommen zu lassen. – Daß Mutter mit einer bösen Grippe ins Neue Jahr gehen mußte, bedauere ich sehr, tröste mich aber mit dem Gedanken, daß sie inzwischen wohl längst wieder auf dem Damm und in allgewohnter Tätigkeit ist. Vater wünsche Gesundheit und Zuversicht, damit er bis zu meiner Heimkehr wenigstens das Notwendige schafft. Alles, was einen Aufschub vertragen kann, ohne daß der Gang des Ganzen darunter leidet, mag er liegen lassen, bis ich da bin. Es grüßt Euch in sehnsüchtiger Liebe Euer Gisbert. –
Übrigens traf ich in Irland einen Abiturienten, der mit Wilhelm auf dem Internat war. Er kannte Wilhelm gut, hieß Jansen und bereitete sich auf das Studium der Medizin mit löblichem Fleiße vor.